Telefonisches Ungeziefer – und der ultimative Tipp, es loszuwerden
Autor: Edgar Wilkening | Foto: iStockphoto.com/Andresr
Sie sind die Plage des 21. Jahrhunderts. Und überkommen einen, wie früher Heuschrecken das Land überfielen: Callcenter. Insbesondere solche, die sogenannte “cold calls” durchführen. Auch wenn die Branche selbst lieber von “out-bound calls” spricht. Also eiskalt Leute anrufen, ungefragt, ohne deren Einwilligung, um ihnen dann irgendwelche Ladenhüter aufzuschwatzen.
Viel ist über diese Plage schon gesagt worden. Vieles unternommen worden, um sie in den Griff zu kriegen. So dürfen die Heuschrecken ihre Plage mittlerweile nicht mehr “anonym”, also ohne Rufnummernanzeige übers Land bringen. Hat es was genützt?
Heute morgen klingelte mein Telefon und zeigte 00390173234015 an. Eine Rufnummer mit italienischer Landesvorwahl. Wer würde mich montagmorgens aus bella Italia anrufen? Sollte sich der Inhaber des kleinen italienischen Restaurants bei mir um die Ecke auf Heimaturlaub befinden und mir das jetzt mitteilen wollen?
Nachdem ich mich höflich mit Namen gemeldet hatte, war erst mal Pause. Und ich hörte auf der anderen Seite die typische Hintergrundkulisse eines geschäftigen Großraumbüros. Dann legte eine Frau mit Akzent los und erkundigte sich, ob sie mit Herrn Wickenning spräche. Hatte ich mich nicht eben gerade erst persönlich mit meinem Namen gemeldet? Typisch für telefonisches Ungeziefer: niemals hinhören, was der Andere sagt. Schließlich müssen die Drückerkolonnen ihr vorbereitetes Manuskript abspulen.
Wie reagieren Sie in solchen Situationen? Hören Sie sich das Gesabbel an? Darauf spekulieren die Nervensägen nur. Oder legen Sie einfach sofort wieder auf? Sehr wirksam. Jedenfalls für den Moment. Denn was wird bei nächster Gelegenheit passieren? Ihre Rufnummer ist ja “validiert”, wie man in der Callcenter-Branche so schön sagt: Dadurch, dass Sie sich gemeldet haben, kann das Ungeziefer sicher sein, dass Ihre Nummer existiert und Sie dort zu erreichen sind. Nur eine Frage der Zeit bis zum nächsten Anruf.
Bis mir eines Tages die ultimative Idee kam, um der Plage den Garaus zu machen. Mit der Mausefallen-Methode. So einfach, und so wirksam. Probieren Sie’s aus.
Das nächste Mal, wenn Sie telefonisches Ungeziefer im Haus haben, reagieren Sie freundlich. Und sagen Sie etwas wie “Oh, das klingt aber interessant!” Das ist das Stückchen Speck, das Sie brauchen, um Ihre Mausefalle scharf zu stellen. Die Maus schöpft keinen Verdacht und will gerade hoffnungsfroh auf den Kaufabschluss hinlenken, da lassen Sie die Falle zuschnappen. “Moment, mein Handy klingelt, bleiben Sie gerade mal dran?”, ist dafür bestens geeignet. Oder auch: “Sekunde, ich hab gerade was auf dem Herd, bin sofort wieder da!”
Schnapp!
Und dann: Telefon einfach beiseite legen. Nicht mehr anrühren. Einfach ignorieren. Und das Gegenüber zappeln lassen. In der irren Hoffnung, Sie kämen gleich vom Herd zurück. Oder vom Handy. Und würden dann den Kaufvertrag abschließen. Eine Art Telefonschleife. Nur eben der anderen Art.
Manchmal, wenn meine Mausefalle wieder mal zugeschnappt hat, bin ich immerhin höflich genug und lasse ein bisschen Musik nebenher laufen, damit es am anderen Ende der Leitung nicht allzu langweilig wird.
Funktioniert sensationell, diese Methode. Denn Sie treffen die Zeiträuber an ihrem empfindlichsten Punkt: ihrer eigenen Zeit. Und die bedeutet bares Geld. Wie viele Anrufe kann ein Callcenter-Agent pro Stunde machen? Und wie viele kann er nicht machen, wenn er in irgendeiner Leitung hängt? Jeder Anruf wird gemessen, alles exakt erfasst: Wer hat wann wie viele Telefonate durchgeführt, wie lange haben sie gedauert haben und mit welchem Ergebnis?
Was meinen Sie, wie schlecht die Statistik aussieht für jene, die in Ihre Mausefalle getappt sind? So wenig Telefonate? So lange telefoniert? Ohne Ergebnis? Sie können sicher sein: Ihre Rufnummer wird sehr, sehr schnell aus allen Callcenter-Listen verschwinden. Die Mäuse warnen sich untereinander: Finger weg von diesem Speck, Leute!
Die Dame heute morgen hat es immerhin volle neun Minuten ausgehalten. Erst dann kam das charakteristische Besetzt-Tuten aus meinem Hörer, mit dem angezeigt wird, dass das Gegenüber aufgelegt hat. Solides Mittelmaß. Andere sind auch schon mal zwanzig Minuten bei der Stange geblieben. Wie wär’s, wenn wir einen kleinen Wettbewerb daraus machen und unsere Best-Ergebnisse untereinander vergleichen würden? Eine Callcenter-Olympiade. Alles über zwanzig Minuten in der Telefonschleife ist rekordverdächtig. Also ran! Hoffentlich klingelt’s gleich. Und dann die Ergebnissse hier als Kommentar posten.
Jedenfalls bin ich mir sicher: Der nächste Anruf aus Italien kommt eher von meinem Restaurant-Italiener als von dieser Drückerkolonne. Am besten, ich gehe gleich heute Abend mal vorbei und schaue, ob er da ist. Oder auf Heimaturlaub in bella Italia.
Feeling fifty-fine –
Edgar Wilkening
PS: Sie wollen genau wissen, welche Drückerkolonne Sie angerufen hat? Sei es, um sich dort zu beschweren oder um die Firma den Behörden zu melden? Im 21. Jahrhundert haben wir dafür whocallsme.com. Dort werden Ungeziefernummern gespeichert. Einfach Nummer eingeben, ohne Registrieren oder andere Umstände. Und mit einem Klick haben Sie meist raus, wer Sie behelligt hat. In meinem Fall ergab sich, dass es sich um die Firma San Lorenzo aus dem ligurischen Impera handelte – alle Angaben inklusive Adresse und Telefonnummer. Das kann sich sehen lassen, oder?