Archive for April, 2010

Schwer im Kommen – Hannover! • Von Bernd Gieseking

Schwer im Kommen – Hannover! • Von Bernd Gieseking

Autor: Bernd Gieseking | Foto: iStockphoto.com/Thomas Lindner
Alle reden von der Krise – ich nicht. Ich habe in diesem Jahr sogar zum ersten Mal Geld von meiner Heizkostenvorauszahlung zurück bekommen. Und das trotz des strengen Winters. Wenn das nicht die Krise war! Schnee. Wochenlang Schnee zu Jahresanfang. Damit hatte in diesem Jahrtausend in Deutschland niemand mehr gerechnet. BILD titelte: „Die weiße Angst!“ Wir hatten einen richtigen Winter und damit ist auch die Erderwärmung im Eimer. Das bedeutet: Sogar die Klimakatastrophe ist in der Krise! Es gab in diesem Winter gesperrte Autobahnen – denn es gab kein Streusalz mehr! Das war auch Krise! Die erste Salzkrise. Bisher hatten wir immer nur Ölkrisen! Am 14. Februar wurde sogar die A 44 gesperrt. Wegen Salzkrise gesperrt. Auf 52 Kilometern. Zwischen Ostwestfalen und Nordhessen war die Straße dicht. Die Bürger zwischen Erwitte/Anröchte und Diemelstadt wurden aufgerufen, ihr Speisesalz zu den Straßenmeistereien zu bringen. Das führte anschließend zu der großen Salzkrise für Frühstückseier zwischen Erwitte/Anröchte und Diemelstadt, die sich bis weit in den März zog!

Aber nun ist Frühling und zumindest diese Krise scheint vorbei. Aber dann kam die Aschewolke aus Island und die Flughäfen waren gesperrt. Bild titelte: „Das Asche-Monster!“ Die Wolke war die Rache der Trolle für die isländischen Finanzpleite! Tagelang keine Flugbewegung. Die Airlines ächzten. Überall Krise – Griechenland stöhnt, der Deutschen Bahn fliegen die Türen weg, von Westerwelle will ich gar nicht reden. Schneller kann man nicht abwirtschaften. Seit Westerwelle so richtig unzufrieden ist mit Spiegel und Frankfurter Allgemeine, seitdem veröffentlicht der Mann in der Bravo! Was soll ich denn jetzt noch lesen, wo er mal nicht drin steht? Die Bravo war meine letzte Flucht. Guido Westerwelle, FDP-Vorsitzender, Vizekanzler und Bundesaußenminister. Noch keine 50 und schon am Ende! Das ist Krise! Was kann aus uns anderen noch alles werden!?! Aber bei Westerwelle ist jetzt Schluss. Der ist froh, wenn er das Ende dieser Legislaturperiode einigermaßen unbeschadet erreicht. So öffentlich die Begrenztheit seiner Mittel zu zeigen, das ist schon bitter! Im Vergleich dazu hat Lukas Podolski noch eine blendende Saison gespielt und die war schon miserabel.

Es gibt in Deutschland zur Zeit nur einen Stern, der einsam strahlt und das ist – Hannover. Die Stadt der Stunde. Berlin, Hamburg, Bayreuth, alle erbleichen über dies Zeichen. Wenn natürlich Hannover plötzlich die Stadt der Stunde ist – dann ist wirklich Krise! Für alle anderen Städte und Gemeinden.

Lena , „Unser Star für Oslo“, kommt aus Hannover. Der neue deutsche Eishockeymeister, die Hannover Scorpions, kommt aus Hannover. Die Scorpions selber machen ihre Abschiedstournee, weltweit, und natürlich kommen sie – aus Hannover. Hannover glimmt zur Zeit wie ein Hoffnungsschimmer in der Krise! Hannover diktiert die Nachrichten der Republik! Frau Käsmann, die zurück getretene Landesbischöfin, die ehemals oberste deutsche Evangelin! Die Obama der evangelischen Kirche Deutschlands. Wo ist sie trunken gefahren? In Hannover! Was ich aber nicht verstehe ist, dass der smarte, intelligente, ehemalige Bundeskanzler Gerhard Schröder, aus Hannover übrigens, nicht neben der ehemaligen Bischöfin Frau Käsmann im Auto gesessen haben will. Was hat der Mann gegen die Frau? Neben ihr wäre doch nicht auf ihr gewesen, sondern nur mit ihr. Also, bei sie bei. Bei sich bei hat Wulff jetzt aber jede Menge Damen sitzen.

Der niedersächsische Ministerpräsident Wulff, CDU, hat sein Kabinett in Hannover umgebildet, als Wahlkampfhilfe für Nordrhein-Westfalen! Genial gemacht, Herr Wulff. Niemand redet darüber, was das für ein scheiß Kabinett gewesen ist, das jetzt, nach zwei Jahren Amtszeit schon umgebildet werden musste, aber alle loben die Neubesetzungen. Die Amtsvorgänger werden nicht mal mehr genannt. Vier Minister wurden ausgetauscht, drei Ministerien mit Frauen besetzt, ein Ministerium sogar mit einer Frau aus dem Osten – Brandenburgs CDU-Vorsitzende und Landtagsfraktionschefin Johanna Wanka wird neue Wissenschaftsministerin. Sie ist eigentlich Mathematikerin. Und? Genau. Angela Merkel ist Physikerin. Da ist noch mehr drin bei Frau Wanka! Und die neue Sozialministerin, vorher CDU-Abgeordnete in der Hamburger Bürgerschaft, Aygül Özkan, ist die erste türkisch-stämmige Frau und Muslimin auf einem Ministerposten. Das sind doch Zeichen. Besonders für die Wahl in NRW. Jetzt waren einige überrascht, dass Frau Özkan als Muslimin keine Christin ist, aber auch das hat sich gelegt, und Frau Özkan hat eingesehen, dass man sich als muslimische Ministerin vor dem Scheiternhaufen in Acht nehmen muss. Bei der Vereidigung sagte sie auch brav „so wahr mir Gott helfe“ und meinte damit vielleicht ihren Chef. Das alles ist Hannover und das ist allesamt spannender als der Wahlkampf in Nordrhein-Westfalen, wo den Grünen egal ist mit wem und SPD und CDU sich auch gut leiden können.

Ich lebe in Dortmund, einer kleinen, armen Stadt am Rande des Ruhrgebiets. Und ich bin so neidisch. Auf Hannover! Das hätte ich mir als gebürtiger Mindener nie träumen lassen. Hannover zählte nichts bei uns. Niedersachsen war das Land der schlimmen drei: Wolfsburg, Braunschweig, Hannover! Da wollte man nicht sein und hin. Wie überheblich wir waren! Heute träume ich von einer organisierten Reise in diese Gewinner-Stadt. Hör mir auf mit Venedig! Wer will schon nach London? Spätestens mit der Expo wurde das hässliche Entlein Hannover zum Schwan. Von Hannover lernen heißt siegen lernen. Nun endlich möchte ich da hin. Ja, ich will! Hier gibt es die Pelikan-AG und die Geha-Werke am gleichen Ort. Also eine Stadt der Legenden. Es gibt eine eigene Tatort-Kommissarin, das hat doch sonst höchstens noch Münster. Was sind schon Louvre und Eifelturm, Central Park und MOMA, wenn man Hannover haben kann.

Nur – wie soll ich reisen? Welches Verkehrsmittel bringt mich von Dortmund nach Hannover? Fliegen? Die Wolke hat sich verzogen, aber wenn es da wieder los geht? Auto? Die Benzinpreise sind immens. Oder mit dem Zug? Letzteres ist in den nächsten Tagen vielleicht wirklich zu risikoreich. Am 25. April 2010 las ich in der FAZ Sonntagszeitung: „Unklar bleibt, welche Auswirkungen der 7:0-Sieg des herzlosen FC Bayern München über die immer noch sehr, sehr traurige Mannschaft von Hannover 96 hat und ob diese in der Vereinsgeschichte fast beispiellose Niederlage zu einer weiteren kollektiven Depression führen wird, und ob die Deutsche Bahn den Zugverkehr in den nächsten Wochen in und um Hannover vorsichtshalber einstellt.“

Bernd „Scorpion“ Gieseking

April 30, 2010 Posted Under: Gäste   Jetzt Kommentar dazu schreiben

Schluss mit lustig! Jetzt geht’s auf ins Finale zum Whisky & Food Koch 2010

Schluss mit lustig! Jetzt geht’s auf ins Finale zum Whisky & Food Koch 2010

Autor: Edgar Wilkening | Foto: iStockphoto.com/elabdesign
Wie lustig ist das denn bitte? Da klingelt gestern der Postbote an meiner Tür und drückt mir ein Paket in die Hand, in dem es verdächtig flüssig gluckert.

Als Urheber des Geräuschs entpuppten sich beim Auspacken drei Flaschen erstklassigen Single Malt Whiskies: ein zwölf Jahre gereifter Cardhu, ein zehnjähriger Talisker und ein Singleton of Dufftown, ebenfalls mit zwölf Jahren auf dem Buckel. Lustig, was man manchmal für Post kriegt, oder?

Den Flaschen anbei lag nämlich ein Brief der PR-Agentur Edelman, die mir wiederum schrieb im Namen der österreichischen Zeitschrift Gourmetreise und der Classic Malts Selection, einer Marke des internationalen Spirituosen-Konzerns Diageo.

Und was war die Nachricht? Dass ich für “die Runde der Vor-Finalisten des Whisky & Food Kochwettbewerbs 2010” ausgewählt wurde. Also mal ehrlich: Wenn das nicht lustig ist!

Na gut, nun hatte ich mich um die Teilnahme durchaus bemüht. Indem ich mich einige Wochen zuvor offiziell beworben hatte. Das lief schriftlich und basierte im Wesentlichen darauf, die eigenen Koch-Erfahrungen und -Ambitionen darzustellen. “Aus zahlreichen Einsendungen haben Ihre Antworten die Jury (…) überzeugt”, wird mir edelmännisch im Brief erklärt. Das freut mich natürlich sehr.

Jetzt geht’s in die nächste Etappe auf dem Weg zum Ehrentitel. Und die lautet: ein Drei-Gänge-Menü entwickeln, “dessen einzelne Gerichte den jeweiligen Charakter der drei Whiskies perfekt unterstreichen.” Als begleitendes Getränk wohlgemerkt! Lustige Aufgabe.

Aber irgendwann ist auch mal Schluss mit lustig! Und das ist genau jetzt. Genau hier. In diesem Moment. Denn mein Entschluss steht fest: Ab jetzt nehme ich die Sache ernst! Ab jetzt wird gekocht, gebraten, getüftelt. Vesucht, verkostet, verbessert. Geschnippelt, gesalzen, gepfeffert.

Denn, jawohl: Ich will ins Finale!

Und um ehrlich zu sein: Diesen Ehrgeiz bei einem Kochwettbewerb, und das in unserem Alter – das finde ich schon wieder lustig.

Bis zum 15. Mai muss mein Menüvorschlag stehen: Rezepte, Fotos, mit allem Drum und Dran. Und am 21. Juni kochen die drei Finalisten ihre Menüs für die Jury.

“Wir möchten Sie schon an dieser Stelle bitten, sich (den Tag) in Ihrem Kalender freizuhalten”, schreiben die Edelleute. Offensichtlich räumen sie mir ernsthafte Chancen fürs Finale ein. Fein! Alles klar, der Tag ist blockiert. Und sicherheitshalber auch schon der Tag darauf, für eventuelle Siegesfeierlichkeiten.

Am liebsten würde ich hier ja regelmäßig Tagebuch führen, damit Sie am Entwicklungsprozess teilhaben können. Aber hier meine Deckung aufzugeben, würde meinen Gegnern womöglich unverhältnismäßige Vorteile verschaffen. Deshalb wird das Ganze ab sofort strategisch und als streng geheime Kommandosache angegangen.

Aber sobald ich nichts mehr zu verlieren habe, also falls ich nicht ins Finale kommen sollte oder für den Fall, dass am 21. Juni ein anderer den Ehrentitel abräumt, werde ich hier mein Whisky-Menü posten. Versprochen! Und bin dann gespannt auf Kommentare, Vorschläge, Meinungen.

Ich bin sicher: Falls es nicht zum Titel im Kochwettbewerb reichen sollte, dann doch wenigstens zu einer Geschichte mit dem Titel “Wie ich mal beinahe Whisky & Food Koch 2010 geworden wäre”. Und die Geschichte wird eines mit Sicherheit sein: lustig.

Feeling fifty-fine –
Edgar Wilkening

April 24, 2010 Posted Under: Alle, Gusto   Jetzt Kommentar dazu schreiben

Frühling aufm Dorfplatz? Höchste Zeit für eine neue Facebook-Gruppe

Frühling aufm Dorfplatz? Höchste Zeit für eine neue Facebook-Gruppe

Autor: Edgar Wilkening | Foto: iStockphoto.com/narcisa – floricica buzlea | Montage: Edgar Wilkening
Während ich aus meinem Küchenfenster schaue und der hundertjährigen Kastanie zusehe, wie sie Tag für Tag ihre Propellerblätter ein Stückchen weiter ausfährt und die Blütenstände langsam für ihre weiße Pracht in Position bringt, fällt mir auf, wie herrlich es ist, nicht in einer anonymen Großstadt zu wohnen, sondern den Frühling auf dem Dorf zu erleben.

Und bevor hier irgendjemand widerspricht: Ja, St. Pauli ist ein Dorf! Man geht auf die Straße, schon trifft man Nachbarn. Wie das so ist in einem Dorf. Und wenn im Sommer das Wetter mitspielt, sitzt man rund um den kleinen Dorfplatz, auf den vom warmen Licht beschienenen Sonnenbänken, ein kühles Getränk aus der Dorfkneipe in der Hand, und schaut, wer gerade so durchs Dorf schlendert.

Irgendjemand kommt immer vorbei. Auf dem Weg zum nahen Dorfkrämer. Oder auf dem Weg zurück. Oder zum Sport, zu einer Verabredung oder einfach so und bleibt stehen auf einen Schnack. Und plötzlich steht das halbe Dorf zusammen und zelebriert den Tag. In anonymen Großstädten gibt’s so was ja gar nicht. Auf St. Pauli beinah täglich. Stinknormales Dorfleben eben.

Wobei bislang der Zufall immer noch eine große Rolle spielte. Wer gerade am Dorfplatz vorbeikam, war dabei. Wer nicht vorbeikam, nicht. Und dann hieß es hinterher: Ach, wenn ich gewusst hätte …

Damit ist jetzt Schluß. Denn vorgestern habe ich eine Facebook-Gruppe gegründet: für alle Fans der Sonnenbank auf unserem kleinen Dorfplatz.

Nun ist Facebook gerade heftig in die Kritik geraten. Denn die Betreiber wollen persönliche Informationen von Nutzern ohne deren Zustimmung an Dritte weitergeben. Natürlich mit kommerziellen Interessen. Zurecht wettert Verbraucherschutzministerin Aigner gegen den laxen, typisch amerikanischen Umgang mit persönlichen Daten.

Das ändert aber nichts daran, dass Facebook prinzipiell eine herrliche Einrichtung ist. Ein Treffpunkt, ganz ähnlich wie unser Dorfplatz. Wo immer irgendwelche Freunde vorbeikommen und es ständig etwas Neues zu berichten gibt.

Und wo jetzt auch unser kleiner Dorfplatz seine eigene Gruppe gefunden hat. Eine Art Pinnwand, auf der alle Nachbarn rechtzeitig erfahren oder selbst Bescheid geben können, wenn auf dem Dorfplatz etwas los sein wird. Abhängig von der aktuellen Wetterprognose fürs Quartier kann dann schon morgens die abendliche Schlenderung durchs Dorf geplant werden, der Feierabend auf der Sonnenbank und der Schnack mit dem halben Dorf bis in die Nacht.

Und endlich können auch Freunde, die nicht im Dorf wohnen, sondern irgendwo in der anonymen Großstadt, zuverlässig dazustoßen. Ich persönlich finde das großartig.

Wenn Sie mal dabei sein wollen, wenn der kleine Dorfplatz brummt: Achten Sie einfach auf die aktuellen Aushänge. Oder Sie kommen einfach mal so aufm Dorfplatz rum. Irgendwer ist immer da. Man sieht sich!

Feeling fifty-fine –
Edgar Wilkening

April 9, 2010 Posted Under: Alle, Digi, Leben   Jetzt Kommentar dazu schreiben

Schwarz-Weiß-Nostalgie • Von Bernd Gieseking

Schwarz-Weiß-Nostalgie • Von Bernd Gieseking

Autor: Bernd Gieseking | Foto: iStockphoto.com/René Mansi
Ich habe grad atemlos den Fernseher ausgestellt. Ich komme zurück aus einer Zeitmaschine. Direkt zurück aus 1968, aber einem anderen 68 als dem vielfach in der Presse zitierten. Im beschaulichen Minden wussten wir damals nichts von Studentenprotesten und dem Tod Benno Ohnesorgs. Der „kategorische Imperativ“ war immer noch Vaters niedersausende Linke. Dabei war Minden sogar FH-Standort und man konnte hier Wasserwirtschaft studieren (Siedlungswasserbau, Wasserversorgung, Trinkwasseraufbereitung, Wasserentsorgung, Kanalisation, Abwassertechnik, Flussbau, Uferbau, Hafenbau, Wasserkraftanlagen), aber die Strudel an der Schachtschleuse,  in der Weser, unten, und im Mittellandkanal, oben, je nach der Schleusung, waren damals das einzig Aufrührerische in der ostwestfälischen Provinz. Die Disko-Abende mit sogenannter „progressiver Rockmusik“, den minimum 20–minütigen Gitarrensoli, kamen erst sehr viel später nach Quetzen und in die umliegenden Provinzen Herford und Bielefeld. Wer zwei mal mit derselben pennt, gehörte angeblich schon zum Establishment. Wir wären froh gewesen über den zweiten Kuss und erstes „Petting“, und das hatte so gar nichts zu tun mit „Frankfurter Schule“, Sorbonne und Sartre, Dany Le Rouge und Dutschke, mit APO und Adorno und Horkheimer. Mein prägendes Ereignis im Jahr 1968 war der erste Fernseher, den wir bekamen! Bis dahin hatte ich nur mal bei Opa „Sprung aus den Wolken“ sehen dürfen und manchmal „Haifischbar“.

Und nun habe ich soeben, wir schreiben den April 2010, nach Jahrzehnten, Marc di Napoli und Roland Demongeot wieder gesehen, dazu Muff Potter, Indianer Joe, die Witwe Douglas und Becky Thatcher. Tom Sawyer und Huckleberry Finn! Es lebe 3sat. In einem an Jubiläen nicht gerade armen Jahr ragt für mich ab jetzt – fast einsam – neben dem 60. Geburtstag des VW-Bulli (am 8. März 1950 begann die Serienfertigung) und dem 80sten Geburtstag von Clint Eastwood (am 31. Mai) – der 100ste Todestag von Mark Twain heraus. Und der wurde begangen auf 3sat mit der Wiederholung von „Tom Sawyers und Huckleberry Finns Abenteuer“. Schwarz-Weiß. Ihre Abenteuer am Mississippi. Gefilmt im Donaudelta von Rumänien. Die Amerikaner dieses Films waren Franzosen und der Regisseur ein Deutscher, Wolfgang Liebeneier (der hatte zuvor auch schon „Die Schatzinsel“ am Gardasee, in der Bretagne und auf Korsika gedreht).

Natürlich habe ich mir damals, 1968, als ich mich fühlte wie Huck, wie Marc di Napoli, als die Weser mein Mississippi war, auch einen Freund gewünscht wie diesen muskelbepackten „Neger“ Jim, der aber kein Schwarzer aus Amerika war, sondern Franzose ist, ehemaliger Bodybilder und nebenbei der gleiche Jahrgang wie Claudia Cardinale und meine Mutter!! Was aus der pissigen Becky Thatcher geworden ist, gespielt von Lucia Ocrain, lässt sich nicht mal mit Google rauskriegen. Marc di Napoli ist heute Maler und auch seine Web-Site ist nicht mehr aufzurufen. Sehr wahrscheinlich aus Notwehr gegen zuviel Nostalgie, gegen diese unsere „Stalingrads“, dieses „Weißt du noch?“ der Kinder  vom Ende der 60ger und Anfang der 70ger Jahre. Und trotzdem haben „Raumschiff Orion“, „Die Zwei“, Stanley Beamish („Immer wenn er Pillen nahm“) und allen voran Huck Finn eine Wirkung auf mich, für die andere schon zu schweren Drogen greifen müssen. Lucy in the sky with diamonds in strahlendstem Schwarz-Weiß.

Bernd “Huck” Gieseking

April 8, 2010 Posted Under: Gäste   Jetzt Kommentar dazu schreiben

Kneifen gilt nicht! Wollen Sie die Zukunft etwa den Baggypants-Trägern überlassen?

Kneifen gilt nicht! Wollen Sie die Zukunft etwa den Baggypants-Trägern überlassen?

Autor: Edgar Wilkening | Foto: Edgar Wilkening
Kaum die Fünfziger-Marke geknackt, schon denken Sie an die Rente? Und den Rest sollen die Leute in den Baggypants machen? Was sind Sie denn für ‘ne Schnarchnase! Kommt ja gar nicht in Frage.

Können nicht mal ihre Hosen richtig anziehen, die jungen Leute. Und da denken Sie dran, sich zur Ruhe zu setzen? Die Welt und den ganzen Rest den Jungspunden überlassen? Aus welchem Jahrhundert stammen Sie denn! Die Zeiten sind lange vorbei. Gott sei Dank!

Wer mitten in den Fünfzigern schon davon spricht, wie er die Jahre bis zur Rente überbrückt, schwärmt nur scheinbar von besseren Zeiten. Nicht etwa, weil so was wie Rente heute unsicherer denn je ist. Das ist ein ganz anderes Thema. Sondern weil er sich selbst ein Armutszeugnis ausstellt für die vergangenen zwanzig, dreißig Jahre. Wie dröge müssen die bitteschön gewesen sein, wenn noch drögere Zeiten ein Grund zur Vorfreude sind! Und überhaupt, wer soll das glauben: die letzten drei Jahrzehnte vergrützt, aber irgendwann die Kurve kriegen wollen?

Ich persönlich halte es da eher mit dem, was ich jüngst im KulturSPIEGEL gelesen habe. In der Rubrik “Mit 17 hat man noch Träume” des Hefts 1/2020 fand sich ein Interview mit Designerin Diane von Fürstenberg, einer Dame von der ich – ich gestehe! – bis dato noch nie gehört hatte. Umso mehr wird sie mir jetzt in Erinnerung bleiben.

Denn was antwortet die Dame, mittlerweile 63, auf die Frage: “Was war die schönste Zeit Ihres Lebens?”

“Komischerweise glaube ich, die ist jetzt.”

Ist das eine coole Antwort? Klasse! Lichtjahre entfernt von deutschem Jammerlamento. Und was sagt Frau von Fürstenberg, warum ausgerechnet jetzt, mitten in den Sechzigern, ihre schönste Zeit ist? Vor allem auch, weil sie “wahnsinnig gern in meiner Firma” arbeitet.

Kein Gedanke an Rente und zur Ruhe setzen. Sondern Gestaltungswille, Lust am Machen, Visionen realisieren. Mich hat das mächtig beeindruckt. Großartig. Weil es so ein fantastischer Gegenentwurf ist zu all jenen, die wie das berühmte Kaninchen vor der Schlange bewegungslos der Rente entgegen starren.

Die aktuelle Kollektion von Diane von Fürstenberg hier. Sehenswert! Und hier das gesamte Interview.

Feeling fifty-fine –
Edgar Wilkening

April 2, 2010 Posted Under: Leben   Jetzt Kommentar dazu schreiben