Archive for Juli, 2010

Weltmeisterlich! Sensationelles 4:0 im Spiel Wagenfeld-Haus gegen Besucher

Weltmeisterlich! Sensationelles 4:0 im Spiel Wagenfeld-Haus gegen Besucher

Autor: Edgar Wilkening | Foto: Edgar Wilkening
Lausige Leistung, unfreundlicher Service, inkompetente Beratung – Deutschland ist über weite Strecken immer noch eine Servicewüste. Das Land der Miesepeter und Jammerlappen zeigt sich auch professionell gerne übellaunig. Gnadenlose Telefonschleifen, perfides Personal, miese Mahlzeiten: das Schreckgespenst “deutscher Service” kann dich immer und überall erwischen. Ich persönlich bin jedes Mal aufrichtig verblüfft, wenn es mir in einem scheinbar harmlosen Hinterhalt auflauert und über mich herfällt.

Lange Zeit habe ich meinen Ärger über professionelle Frechheiten runtergeschluckt und einfach durch “Nie, nie wieder!” bestraft. Vor allem auch, weil einen ja niemand für diese Art unbeauftragter Qualitätskontrolle entlohnt. Erst hab ich den Ärger, dann den Aufwand der Reklamation – und den Nutzen hat am Ende der Verursacher? Ne, ne, so läuft das nicht.

Qualifiziertes Kunden-Feedback und professionelles Reklamationsmanagement sind aufwändige Disziplinen. Und wenn ich mir die ganze Mühe mache, muss auch was dabei rumkommen. Mindestens eine amüsante Geschichte für mich und meine Leser: als neue Reihe auf fifty-fine mit dem Titel “Offene Briefe”.

Den Anfang macht heute das Wilhelm Wagenfeld Haus in Bremen. Wagenfeld? Richtig: der Designer der berühmten Wagenfeld-Leuchte WG24, die Sie oben links sehen. Er gilt als Wegbereiter des modernen Industriedesigns.

In seiner Geburtsstadt Bremen hat man ihm zu Ehren die Wilhelm Wagenfeld Stiftung und das Wilhelm Wagenfeld Haus gegründet. Kann man sich ja mal ansehen, oder? Vorausgesetzt, man schafft’s an der Kasse vorbei. Denn weiter ging’s für mich nicht am Samstag. Warum? Weil ich 4:0 verloren habe.

Sehr geehrte Frau M.,

haben Sie vergangenen Samstag das spannende Spiel verfolgt, das mit einem klaren 4:0-Triumph endete? Einfach weltmeisterlich! Nein, ich meine nicht das Viertelfinale Deutschland gegen Argentinien. Sondern das Spiel Wilhelm Wagenfeld Haus gegen Besucher. Die Begegnung fand ja kurz vorher statt.

Alles begann mit dem Wunsch meiner Lebensgefährtin, einer glühenden Wagenfeld-Verehrerin, die aktuelle Ausstellung zu besuchen. Kann man ja mal machen. Also Internetseite aufgerufen, Öffnungszeiten recherchiert, Adresse ans Navi übertragen – was sollte jetzt noch schiefgehen?, dachte ich. Ja, ich gebe zu, manchmal bin ich wirklich naiv.

Nachdem wir kurz nach 15.00 Uhr am vergangenen Samstag die Schwelle zum Wilhelm Wagenfeld Haus einigermaßen unbeschadet überwunden hatten (Vorsicht, fiese Stolperfalle! Und damit von “gelungener Gestaltung” weiter entfernt als Bremen von Dessau!), offenbarte sich an der Kasse, dass im Web andere Eintrittspreise ausgewiesen sind als auf der Preistafel vor Ort. Während die Webseite der Wilhelm Wagenfeld Stiftung unter dem freundlich tuenden Stichwort “Service” “Eintritte: € 3,50 ermäßigt € 1,50″ ausweist, nannte die Preistafel Eintrittspreise von fünf Euro.

Okay, mein Fehler. Ich hätte aber auch wirklich das Kleingedruckte auf der Webseite lesen können. Unter dem Stichwort “Ausstellungen” versteckt heißt es dort nämlich ganz zum Schluss: “Zu dieser Ausstellung gelten Sonderkonditionen”. Klingt nach Vergünstigung, Sondermodell und kostenloser Zusatzausstattung. Soll hier aber euphemistisch einen Preisaufschlag kaschieren. Wie dumm von mir, solche Infos unter dem Stichwort “Service” zu vermuten.

Oder: Ich hätte ja auch einfach eine völlig andere Webseite im Internet besuchen besuchen können. Zum Beispiel die des Wilhelm Wagenfeld Hauses. Gibt’s nämlich auch. Ist quasi das Gleiche in Grün, aber natürlich formal ganz was anderes. Welche der Seiten entscheidend ist? Cleverer Spielzug: beide! Mal die eine, mal die andere. Gekonntes Passspiel über die Seiten eben, Abwehrfehler bei mir und verdienter Führungstreffer für Wagenfeld gleich in der dritten Spielminute: 1:0.

Nun waren wir ja nicht extra aus Hamburg nach Bremen gereist, um den Besuch der Ausstellung an 1,50 Euro scheitern zu lassen. Also sagte ich der Dame an der Kasse, dass “wir beide” gerne die Ausstellung besuchen würden. “Macht zehn Euro”, antwortete die Dame. Mit Hinweis auf die Preistafel erlaubte ich mir die Frage, ob es nicht günstiger für uns sei, die Ausstellung als Familie zu besuchen, für acht Euro, also als zwei Erwachsene mit bis zu drei Kindern, wie es dort angeschlagen stand. Man wird ja wohl noch fragen dürfen, oder? Nicht in Bremen. “Sie sind ja keine Familie”, kam als Konter von der Kasse.

So viel Schlagfertigkeit verblüffte auch meine Lebensgefährtin: “Woher wollen Sie denn das wissen?” Und hörte als Replik der Kassendame: “Sie haben ja keine Kinder.” Mein kleinkarierter Einwand “Natürlich habe ich Kinder; ich habe sogar ein Enkelkind” wurde raffiniert abgewehrt mit einem “Aber so ist das hier nicht gemeint, Sie haben ja keine Kinder dabei.”

Na gut, wir waren ja ebenfalls nicht nach Bremen gereist, um mit Kassenpersonal über die gesellschaftliche Dimension von Patchwork-Familien zu diskutieren oder über mathematische Spitzfindigkeiten wie “Sind zwei Erwachsene mit zwei Kindern daheim rechnerisch gleich oder kleiner zwei Erwachsene mit bis zu drei Kindern anwesend oder nicht?” Klarer Anschlusstreffer für Wagenfeld: 2:0.

Und jetzt ging’s Schlag auf Schlag weiter. Ich angelte einen 50-Euro-Schein aus dem Portemonnaie und reichte ihn der Kassiererin, um aufrechten Hauptes die geforderten zehn Euro Eintritt zu zahlen. “Kann ich nicht wechseln”, kam sofort der Gegenkonter. Sensationell gemacht: unhaltbar für mich. Ich muss ziemlich blöd geguckt haben angesichts dieses rasanten Anschlusstors. Wagenfeld mittlerweile deutlich vorn mit 3:0.

Aber noch war das Spiel nicht zu Ende. Ich hatte noch die Chance auszuwechseln: 50-Euro-Schein raus aus dem Spiel, Kreditkarte rein. “Akzeptieren wir nicht”, konterte die Gegenseite. 4:0. Einfach weltmeisterlich! Und gleichzeitig Endstand.

Denn man muss keine große Wagenfeld-Leuchte sein, um zu wissen, wann ein Spiel gelaufen ist. Abpfiff, Schluss, aus, vorbei! Meine Lebensgefährtin und ich waren gescheitert. Kein Besuch der Ausstellung. Umsonst angereist.

Das Spiel Wagenfeld-Haus gegen Besucher hatte einen klaren Sieger. Wilhelm Wagenfeld könnte stolz sein auf seine Nachlassverwalter: Das eigene Haus besser leer halten als mancher Keeper seinen Kasten. Ein Triumph! Jawohl: So gewinnt man große Spiele. Chapeau und Gratulation dazu aus Hamburg!

Alles, was uns noch blieb, war der schmachvolle Abgang. Stolpernd über die Schwelle. Zurück in den Sommer. Und der Versuch, dem Nachmittag doch noch “gelungene Gestaltung” zu geben. Wenn’s für Design schon nicht reichte bei uns, dann vielleicht für Fußball. WM-Viertelfinale in Kapstadt. Deutschland gegen Argentinien. Erster Treffer nach drei Minuten. Am Ende 4:0. Sensationeller Triumph. Gegner schmachvoll nach Hause geschickt. Kam uns alles irgendwie bekannt vor …

Mit freundlichen Grüßen aus Hamburg -
Edgar Wilkening

Juli 4, 2010 Posted Under: Alle   Jetzt Kommentar dazu schreiben

Hamburg Harley Days: Musterbeispiel eines perfekten Seniorentreffs

Hamburg Harley Days: Musterbeispiel eines perfekten Seniorentreffs

Autor: Edgar Wilkening | Foto: iStockphoto.com/Jim Parsons
Ein Dröhnen und Röhren lag über der Stadt am vergangenen Wochenende. Ein Knatterton, der unverkennbar ist: Hamburg Harley Days 2010. Von mehr als 50.000 Bikern ist die Rede, die ihre bulligen Maschinen in die Hansestadt kutschierten. Und von über 600.000 Zuschauern, die das Ereignis besuchten.

Das Großevent rund um die Motorrad-Kultmarke prägte Freitag bis Sonntag das gesamte Stadtbild. Schwere Maschinen, schwarze Lederklamotten, dazu das omnipräsente Bullern der Motoren: Man konnte der Veranstaltung nicht entgehen. Die Harley-Fans ließen es knattern und feierten sich und ihre Marke – unüberhörbar, unübersehbar.

Nun sind Großveranstaltungen in der Hansestadt durchaus an der Tagesordnung. Ob Hafengeburtstag oder Schlagermove, Hamburg Marathon oder Weltastratag – jedes Event und seine Besucher prägen am jeweiligen Wochenende das Bild der Stadt.

Doch eines ist anders bei den Hamburg Harley Days. Während das Stadtbild bei den übrigen Großereignissen eher von Zwanzig- und Dreißig-, vielleicht auch Vierzigjährigen geprägt wird, sind es beim Biker-Event überwiegend Menschen, deren Lebensalter vorne eine deutliche Fünf oder sogar Sechs anzeigt. Der Anteil grauer Panther unter den schwarzen Rockern ist enorm.

Keine Frage: Die Harley Days sind eine Alte-Säcke-Veranstaltung. Ein echter Seniorentreff. Das Altenheim unter den Events.

Aber was für eines! Denn hier wird nicht gejammert oder lamentiert, hier werden keine Zipperlein gepflegt – sondern ein Lebensgefühl zelebriert. Eine Idee von Freiheit und Nichtangepasstsein, kombiniert mit einem Schuß Rebellion gegen so was wie Establishment.

Dass das Gros der Harley-Fahrer dabei selbst irgendwie zum Establishment zählen dürfte – anderenfalls könnte es sich die kostspieligen Kult-Karren wohl gar nicht leisten –, finde ich persönlich dabei ebenso uninteressant wie die Frage, ob man das knatternde Auftreten der Zweirad-Rocker nun mag oder nicht mag.

Viel spannender aus meiner Sicht: Die Harley-Fahrer und ihre Fans repräsentieren bei dieser Veranstaltung ein Lebensgefühl, das so weit entfernt ist vom klassischen Klischee des Seniorentreffs mit Kaffee, Kuchen und Kreuzfahrt wie ein Kinder-Tretroller vom Easy-Rider-Chopper. Hamburg Harly Days – für mich ist das: feeling fifty-fine im allerbesten Sinne.

Das ist mir erst in diesem Jahr wirklich aufgefallen. Sonst hätte ich mich letztes Wochenende viel stärker um das Event gekümmert, um hier darüber zu schreiben. So muss es bei diesem ersten Eindruck bleiben.

Doch die nächsten Hamburg Harley Days werden kommen. Auch wenn über die Genehmigung  der Veranstaltung durch den Hamburger Senat gerade diskutiert wird. In 2011 ist Hamburg Europäische Umwelthauptstadt. Und man fürchtet, der Knatter-Event könnte das grüne Öko-Image stören.

Aber spätestens 2012 sollen wieder Harley Days in der Hansestadt stattfinden. Und dann werde ich dabei sein und hautnah darüber berichten: über das vielleicht coolste Seniorentreffen der Welt.

Feeling fifty-fine –
Edgar Wilkening

Juli 2, 2010 Posted Under: Yeah!   Jetzt Kommentar dazu schreiben