Weltmeisterlich! Sensationelles 4:0 im Spiel Wagenfeld-Haus gegen Besucher

Weltmeisterlich! Sensationelles 4:0 im Spiel Wagenfeld-Haus gegen Besucher

Autor: Edgar Wilkening | Foto: Edgar Wilkening
Lausige Leistung, unfreundlicher Service, inkompetente Beratung – Deutschland ist über weite Strecken immer noch eine Servicewüste. Das Land der Miesepeter und Jammerlappen zeigt sich auch professionell gerne übellaunig. Gnadenlose Telefonschleifen, perfides Personal, miese Mahlzeiten: das Schreckgespenst “deutscher Service” kann dich immer und überall erwischen. Ich persönlich bin jedes Mal aufrichtig verblüfft, wenn es mir in einem scheinbar harmlosen Hinterhalt auflauert und über mich herfällt.

Lange Zeit habe ich meinen Ärger über professionelle Frechheiten runtergeschluckt und einfach durch “Nie, nie wieder!” bestraft. Vor allem auch, weil einen ja niemand für diese Art unbeauftragter Qualitätskontrolle entlohnt. Erst hab ich den Ärger, dann den Aufwand der Reklamation – und den Nutzen hat am Ende der Verursacher? Ne, ne, so läuft das nicht.

Qualifiziertes Kunden-Feedback und professionelles Reklamationsmanagement sind aufwändige Disziplinen. Und wenn ich mir die ganze Mühe mache, muss auch was dabei rumkommen. Mindestens eine amüsante Geschichte für mich und meine Leser: als neue Reihe auf fifty-fine mit dem Titel “Offene Briefe”.

Den Anfang macht heute das Wilhelm Wagenfeld Haus in Bremen. Wagenfeld? Richtig: der Designer der berühmten Wagenfeld-Leuchte WG24, die Sie oben links sehen. Er gilt als Wegbereiter des modernen Industriedesigns.

In seiner Geburtsstadt Bremen hat man ihm zu Ehren die Wilhelm Wagenfeld Stiftung und das Wilhelm Wagenfeld Haus gegründet. Kann man sich ja mal ansehen, oder? Vorausgesetzt, man schafft’s an der Kasse vorbei. Denn weiter ging’s für mich nicht am Samstag. Warum? Weil ich 4:0 verloren habe.

Sehr geehrte Frau M.,

haben Sie vergangenen Samstag das spannende Spiel verfolgt, das mit einem klaren 4:0-Triumph endete? Einfach weltmeisterlich! Nein, ich meine nicht das Viertelfinale Deutschland gegen Argentinien. Sondern das Spiel Wilhelm Wagenfeld Haus gegen Besucher. Die Begegnung fand ja kurz vorher statt.

Alles begann mit dem Wunsch meiner Lebensgefährtin, einer glühenden Wagenfeld-Verehrerin, die aktuelle Ausstellung zu besuchen. Kann man ja mal machen. Also Internetseite aufgerufen, Öffnungszeiten recherchiert, Adresse ans Navi übertragen – was sollte jetzt noch schiefgehen?, dachte ich. Ja, ich gebe zu, manchmal bin ich wirklich naiv.

Nachdem wir kurz nach 15.00 Uhr am vergangenen Samstag die Schwelle zum Wilhelm Wagenfeld Haus einigermaßen unbeschadet überwunden hatten (Vorsicht, fiese Stolperfalle! Und damit von “gelungener Gestaltung” weiter entfernt als Bremen von Dessau!), offenbarte sich an der Kasse, dass im Web andere Eintrittspreise ausgewiesen sind als auf der Preistafel vor Ort. Während die Webseite der Wilhelm Wagenfeld Stiftung unter dem freundlich tuenden Stichwort “Service” “Eintritte: € 3,50 ermäßigt € 1,50″ ausweist, nannte die Preistafel Eintrittspreise von fünf Euro.

Okay, mein Fehler. Ich hätte aber auch wirklich das Kleingedruckte auf der Webseite lesen können. Unter dem Stichwort “Ausstellungen” versteckt heißt es dort nämlich ganz zum Schluss: “Zu dieser Ausstellung gelten Sonderkonditionen”. Klingt nach Vergünstigung, Sondermodell und kostenloser Zusatzausstattung. Soll hier aber euphemistisch einen Preisaufschlag kaschieren. Wie dumm von mir, solche Infos unter dem Stichwort “Service” zu vermuten.

Oder: Ich hätte ja auch einfach eine völlig andere Webseite im Internet besuchen besuchen können. Zum Beispiel die des Wilhelm Wagenfeld Hauses. Gibt’s nämlich auch. Ist quasi das Gleiche in Grün, aber natürlich formal ganz was anderes. Welche der Seiten entscheidend ist? Cleverer Spielzug: beide! Mal die eine, mal die andere. Gekonntes Passspiel über die Seiten eben, Abwehrfehler bei mir und verdienter Führungstreffer für Wagenfeld gleich in der dritten Spielminute: 1:0.

Nun waren wir ja nicht extra aus Hamburg nach Bremen gereist, um den Besuch der Ausstellung an 1,50 Euro scheitern zu lassen. Also sagte ich der Dame an der Kasse, dass “wir beide” gerne die Ausstellung besuchen würden. “Macht zehn Euro”, antwortete die Dame. Mit Hinweis auf die Preistafel erlaubte ich mir die Frage, ob es nicht günstiger für uns sei, die Ausstellung als Familie zu besuchen, für acht Euro, also als zwei Erwachsene mit bis zu drei Kindern, wie es dort angeschlagen stand. Man wird ja wohl noch fragen dürfen, oder? Nicht in Bremen. “Sie sind ja keine Familie”, kam als Konter von der Kasse.

So viel Schlagfertigkeit verblüffte auch meine Lebensgefährtin: “Woher wollen Sie denn das wissen?” Und hörte als Replik der Kassendame: “Sie haben ja keine Kinder.” Mein kleinkarierter Einwand “Natürlich habe ich Kinder; ich habe sogar ein Enkelkind” wurde raffiniert abgewehrt mit einem “Aber so ist das hier nicht gemeint, Sie haben ja keine Kinder dabei.”

Na gut, wir waren ja ebenfalls nicht nach Bremen gereist, um mit Kassenpersonal über die gesellschaftliche Dimension von Patchwork-Familien zu diskutieren oder über mathematische Spitzfindigkeiten wie “Sind zwei Erwachsene mit zwei Kindern daheim rechnerisch gleich oder kleiner zwei Erwachsene mit bis zu drei Kindern anwesend oder nicht?” Klarer Anschlusstreffer für Wagenfeld: 2:0.

Und jetzt ging’s Schlag auf Schlag weiter. Ich angelte einen 50-Euro-Schein aus dem Portemonnaie und reichte ihn der Kassiererin, um aufrechten Hauptes die geforderten zehn Euro Eintritt zu zahlen. “Kann ich nicht wechseln”, kam sofort der Gegenkonter. Sensationell gemacht: unhaltbar für mich. Ich muss ziemlich blöd geguckt haben angesichts dieses rasanten Anschlusstors. Wagenfeld mittlerweile deutlich vorn mit 3:0.

Aber noch war das Spiel nicht zu Ende. Ich hatte noch die Chance auszuwechseln: 50-Euro-Schein raus aus dem Spiel, Kreditkarte rein. “Akzeptieren wir nicht”, konterte die Gegenseite. 4:0. Einfach weltmeisterlich! Und gleichzeitig Endstand.

Denn man muss keine große Wagenfeld-Leuchte sein, um zu wissen, wann ein Spiel gelaufen ist. Abpfiff, Schluss, aus, vorbei! Meine Lebensgefährtin und ich waren gescheitert. Kein Besuch der Ausstellung. Umsonst angereist.

Das Spiel Wagenfeld-Haus gegen Besucher hatte einen klaren Sieger. Wilhelm Wagenfeld könnte stolz sein auf seine Nachlassverwalter: Das eigene Haus besser leer halten als mancher Keeper seinen Kasten. Ein Triumph! Jawohl: So gewinnt man große Spiele. Chapeau und Gratulation dazu aus Hamburg!

Alles, was uns noch blieb, war der schmachvolle Abgang. Stolpernd über die Schwelle. Zurück in den Sommer. Und der Versuch, dem Nachmittag doch noch “gelungene Gestaltung” zu geben. Wenn’s für Design schon nicht reichte bei uns, dann vielleicht für Fußball. WM-Viertelfinale in Kapstadt. Deutschland gegen Argentinien. Erster Treffer nach drei Minuten. Am Ende 4:0. Sensationeller Triumph. Gegner schmachvoll nach Hause geschickt. Kam uns alles irgendwie bekannt vor …

Mit freundlichen Grüßen aus Hamburg -
Edgar Wilkening

Juli 4, 2010 Post Under Alle - Jetzt Kommentar dazu schreiben

11 Responses to “Weltmeisterlich! Sensationelles 4:0 im Spiel Wagenfeld-Haus gegen Besucher”

  1. Fred vom Jupiter sagt:

    Ist ja UNGLAUBLICH, was da passiert ist! Im Haus des großen Design-Genies? Warum dürfen solche Leute so einen genialen Nachlass verwalten? Aber stimmt: rechnen muss man mit so was (oder so was ähnlichem) immer.
    Trotzdem: Ich freue mich auf das Halbfinale am Mittwoch! Mein Tipp: auch 4:0 :-)

  2. Melanie sagt:

    Hammer, ist das lustig geschrieben!!! 4:0 – und das nach dem Spiel am Samstag? Ich hab mich ja weggelacht hier! Mehr davon bitte :-) Mel.

  3. der otti sagt:

    hallo herr wilkening! ich kann mir nicht vorstellen, dass so ein verhalten im sinne von wilhelm wagenfeld gewesen wäre, dem ja immer wichtig war, dass seine produkte allen zugänglich waren. umso unverständlicher, dass man sie nicht in die ausstellung lassen wollte, wenn ich sie richtig verstanden habe. beschämend!

  4. Mo sagt:

    Unglaublich, das war mal wieder die Servicewüste Deutschland! Herr Wagenfeld würde sich im Grab umdrehen. Beste Grüsse von Mo

  5. Ines sagt:

    Hallo Edgar,
    mein Mitgefühl ist bei Euch! Mir passiert so ein Mist auch regelmäßig und ich schwanke jedes Mal wieder zwischen tierisch aufregen mit laut ausfallend werden (ist meinen Mitmenschen dann manchmal peinlich) oder resigniert abwenden.
    Das letzte Mal resigniert habe ich, als Bosch mir ein Backblech zum 3. Mal so schlecht verpackt geschickt hat, dass es zum 3. Mal defekt bei mir gelandet. Man hatte nicht die Verpackung direkt um das Blech verbessert, sondern das im Karton schlecht verpackte Blech in einen weiteren Karton gelegt und meinte damit, jetzt das Problem ganz toll gelöst zu haben. Das war ein Fall für resignieren. Ich hatte keine Kraft mehr, das Blech nochmal zur Post zurück zu tragen und schon wieder einen Brief dazu zu schreiben … Ich habe es mit der abgeplatzen Emaille behalten und voll bezahlt. So geht echte Kundenzermürbung!
    Sonnige Grüße
    Ines

  6. Jens sagt:

    Irre, was man in Bremen alles erleben kann! Hat sie denn wenigstens mal geantwortet, die Frau Geschäftsführerin?

  7. @Ines: Na, Deine Geschichte ist aber auch unglaublich! Und das bei einer großen Marke wie Bosch? Tz, tz … Man kann sich wirklich immer nur wundern!

    Wenn du magst, schick mir doch deine Korrespondenz mal zu. Vielleicht schreibe ich demnächst ein Buch über “Professionelles Reklamationsmanagement”. Und da würde so ein Fallbeispiel mit Original-Korrespondenz wunderbar reinpassen.
    Liebe Grüße – Edgar

  8. @Jens: Ja, gestern nachmittag hat mir die Geschäftsführerin eine E-Mail geschickt. Kurz-Version ihrer Antwort:
    - Bei meiner Internetsuche bin ich (Original-Wortlaut): “auf unserer alten website gelandet, die wir nicht selbst programmieren können”.
    - Die Museumspreise sind vollkommen angemessen (was aber auch nie jemand bezweifelt hat).
    - 12.000 Besucher der Ausstellung bislang haben sich nicht beschwert (wie komme also ausgerechnet ich dazu).
    - Das Wechselgeld kann schon mal ausgehen: “Für dieses Versehen möchte ich mich entschuldigen.”
    Professionelles Reklamationsmanagement sieht jedenfalls anders aus …
    Wer die ganze Antwort lesen möchte: Bitte eine E-Mail an edgar@fiftyfine.de – ich sende sie dann umgehend zu.
    Liebe Grüße – Edgar Wilkening

  9. … und einen Kommentar habe ich per E-Mail erhalten, den ich so hinreißend komisch finde, dass ich ihn nicht für mich behalten kann. Vielen Dank dafür an Herrn S. in M.!
    “Guten Tag Herr Wilkening,
    das (Fußball-)Spiel von Ihnen mit Frau M. ähnelt für den Zuschauer (mich) ein wenig wie das demnächst zu erwartende Spiel zwischen Werder Bremen und FC St. Pauli. Auf der Hamburger Seite Spielwitz, freche Konter und unerwartete Flanken. Auf der anderen Seite bei den Bremern hanseatische Abgeklärtheit, die Spielordnung genau einstudiert und alle Elfmeter pariert, wenn auch zum Teil nur mit Hilfe des Schiedsrichters (hier Denkmalpflege). Zumindest gibt sie zu, dass ein Tor (Wechselgeld) der Bremer aus abseitsverdächtiger Position war. Und aufgrund des eindeutigen Spielstands für die Bremer muss man erwarten, dass er im Juli aus dieser Stadt an der Weser kommt: der Tor des Monats. Es/er ist eine Frau und leitet in Bremen ein Museum.”

  10. Mo sagt:

    “Spielwitz, freche Konter und unerwartete Flanken”, ja, so sind unsere Jungs; klasse Kommentar von Herrn S. aus M.

  11. Jens sagt:

    yep, schick mal rüber, die Antwort der Dame. Bin gespannt, ob sie so witzig zurückgeschrieben hat!

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