Archive for September, 2010

Ich lade Sie herzlich ein: Ruinieren Sie meinen Biertisch!

Ich lade Sie herzlich ein: Ruinieren Sie meinen Biertisch!

Autor: Edgar Wilkening | Fotos: Edgar Wilkening
In München ist die Wies’n in vollem Gange. Soll St. Pauli da etwa zurückstehen? Deshalb hab ich mir kurzerhand eine niegelnagelneue Biertischgarnitur zugelegt.

Ich finde: ein Produkt, das einfach genial ist. Simpel aufzubauen, simpel abzubauen, bietet viel Platz, nimmt selbst kaum Platz weg. Und um ehrlich zu sein: Ich mag auch das unkomplizierte Sitz- und Lebensgefühl, das diese Art Möbel vermittelt.

Die Bierbank als Symbol lässigen Lebensstils? Na klar, warum nicht. Sozusagen das deutsche Pendant zum englischen Pub, der ebenfalls alle sozialen Schichten, für die kurze Dauer ihres Aufenthalts, in einem kleinen klassenlosen Mikrokosmos eint.

Haken der Biermöbel: Für gewöhnlich bestehen sie aus billigstem Material, fix zusammengeschrotet. Weichholz, Eisen, Lack – zick, zack, fertig. Anders gesagt: geniales System, lausige Umsetzung.

Das hat zur Folge, dass quasi direkt nach dem Kauf einer niegelnagelneuen Garnitur schon nix mehr niegelnagelneu ist. Erst recht, wenn Tische und Bänke – wie in meinem Fall – unter freiem Himmel stehen, schutzlos Wind und Wetter ausgeliefert.

Und nein: Ich habe nicht die Absicht, sie bei jedem kleinen Guss reinzuholen, einzupacken, abzuwischen oder zuzudecken. Wär ja noch schöner, wenn ich mir meinen lässigen Lebensstil durch kleinbürgerliche Anwandlungen ruinieren würde. Nein, nicht mal im triefendsten Herbst oder tiefsten Winter werde ich das Mobiliar aus der Witterung nehmen.

In so einem Fall gibt’s zwei Möglichkeiten. Erstens: Man bessert den ab Werk gelieferten Schutzzustand der Möbel nach, damit sie der Witterung widerstehen. Also losen Lack runter, Lücken spachteln, Poren schließen, Ritzen versiegeln, grundieren, lackieren, anschleifen, nachstreichen – und das regelmäßig immer wieder, auf dass ja kein Wässerchen die sensiblen Materialien trüben könnte.

Da hab ich mich doch lieber für Möglichkeit Zwei entschieden. Allerdings in einer radikal verschärften Version.

Statt den schier aussichtslosen Kampf gegen die Naturgewalten aufzunehmen und Tage damit zu verbringen, die Garnitur wie geleckt aussehen zu lassen, werde ich das Gegenteil tun: Ich werde sie verwittern lassen.

Nein, falsch, nicht einfach nur verwittern – ich werde den Erosionsprozess noch nach Kräften fördern: durch feine, kleine Messerschnitzereien in der Oberfläche des Holzes. Und dazu lade ich Sie herzlich ein!

Wofür Sie in Bayern lebenslanges Hausverbot kassieren, bei mir auf St. Pauli ist es erlaubt: Ruinieren Sie mir meinen Biertisch mit Ihrer Schnitzerei!

Ritzen Sie den Lack ein! Schlitzen Sie das Holz auf! Kritzeln Sie Ihr Zeichen rein!

Solange genug Holz an der Platte bleibt, dass der Tisch stabil ist, dürfen Sie zeigen, zu welcher Kunstfertigkeit Sie als Dreamteam fähig sind: nur Sie und Ihr Taschenmesser – allein im Kampf gegen die götzenhafte Schönheit glatter Oberflächen!

Wer weiß: Vielleicht steuern ein paar Künstler aus meinem Umfeld ebenfalls ihre Ritzereien bei. Und irgendwann ist der Tisch so kunstvoll verziert, so außergewöhnlich, persönlich und besonders, dass wir ihn für viel Geld und einen guten Zweck bei ebay versteigern. In dem Fall besorge ich sofort einen niegelnagelneuen, dem das gleiche Schicksal blüht.

Also: Hauchen wir dem Biertisch Leben ein! Lassen wir ihn berichten von den Abenden, die wir mit ihm verbracht haben, an ihm gefeiert, gelebt, gelacht haben. Mit jeder Schnitzerei erzählt er eine neue Episode – auch wenn er am Ende darüber zerbrechen wird.

Sich nicht an oberflächliche Schönheit zu klammern, sondern Veränderung zu pflegen und dabei lustvoll vom Lauf der Zeit zu erzählen: Aus so viel Biertisch-Philosophie würde manch einer glatt schon wieder eine Lebensweisheit machen.

Feeling fifty-fine –
Edgar Wilkening

PS: Das erste durchgeregnete Wochenende hat der Tisch schon hinter sich. Also, machen Sie schnell: Der Erosionsprozess hat schon begonnen! Und dabei steht uns der Winter erst noch bevor …

September 27, 2010 Posted Under: Alle, Yeah!   Jetzt Kommentar dazu schreiben

Machen Sie sich einen großartigen Abend: Falstaff ist da

Machen Sie sich einen großartigen Abend: Falstaff ist da

Autor: Edgar Wilkening | Fotos Cover: Falstaff
Wie war Ihr Abend gestern? Meiner war großartig. Nein, kein Event, kein Sternerestaurant, keine Party. Ich habe den Abend mit etwas verbracht, das sich Falstaff nennt.

Falwas …?

Falstaff. Okay, schräger Name. Klingt nach falsch, Staffage und wer weiß, was noch. Alles daneben. Die wahre Herkunft des kuriosen Namen wird passenderweise in Falstaff selbst gelüftet, auf Seite 16. Und hier sei nur so viel verraten: Es hat was mit Shakespeare und den Adelshäusern des 14. Jahrhunderts zu tun – spannende Geschichte.

Und was ist Falstaff jetzt genau? Falstaff ist das, worauf ich lange gewartet habe: ein intelligentes, schön gemachtes Magazin, das sich den Genusskategorien Essen, Trinken, Wein und Reisen widmet.

Deutlich weniger blasiert als “Der Feinschmecker”, um Längen substanzieller als das Hochglanzheftchen “GourmetReise”, amüsanter als “Effilee”, thematisch breiter als “Vinum” und mit weniger Testosteron als “Beef!”. Unterm Strich: genau meine Kragenweite. Hat mir einen fantastischen Abend beschert gestern beim Lesen, Stöbern, Blättern.

Österreich-Freunde kennen Falstaff vielleicht schon länger. Dort erscheint das Magazin seit 30 Jahren und ist das älteste und auflagenstärkste Genussmagazin. Jetzt also eine Ausgabe extra für die Piefkes: Seit dem 15. September 2010 ist der deutsche Falstaff am Kiosk.

Die Idee dahinter ist ganz einfach: Hierzulande gibt es etwa das Zehnfache an Bevölkerung wie in der Alpenrepublik. Prinzipiell also auch das Zehnfache an potenzieller Leserschaft. So gesehen wirkt die 55.000er Auflage des deutschen Falstaff fast wie ein klitzekleiner Testballon gegen die 35.000 Exemplare in der Heimat des Hefts.

Österreichische Blattmacher, die mit ihrem Heft nach Deutschland drängen? Die Jüngeren zucken da erinnerungslos mit den Achseln. Aber manch Frühergeborenen erinnert das an Mitte der 80er Jahre des letzten Jahrhunderts. Damals mischten die jungen, wilden Zeitschriften Tempo und Wiener den hiesigen Blätterwald auf, indem sie das Lifestyle-Genre über die Alpen zu uns brachten. Ein Phänomen, das nur knapp ein Jahrzehnt währte. Dann waren beide Blätter, die den Medienmarkt verändert hatten, selber den Veränderungen des Medienmarkts nicht mehr gewachsen. Seit Mitte der 90er leben Tempo und Wiener hierzulande nur noch als Legenden weiter.

Schon damals war klar: Wer hier Leser gewinnen will, muss sie richtig ansprechen. Wortwörtlich. Nicht umsonst behauptet ein geflügeltes Wort: Die Sprache ist nicht das Einzige, was Deutschland und Österreich unterscheidet.

Deshalb wird der hiesige Falstaff konsequenterweise gleich in Deutschland gemanagt. Von der Düsseldorfer Schanzenstraße 56, wo der neue Haupteigentümer des österreichischen Falstaff-Verlags Wolfgang M. Rosam praktischerweise auch gleich den Sitz seiner Holding hat.

Und ebenso konsequent sollen deutsche Schlagworte auf dem Cover den hiesigen Leser locken: deutscher Riesling, deutscher TV-Star, Oktoberfest in Deutschlands Süden. Als ob man ja den Anschein vermeiden wollte, das Magazin könne anderes als deutsche Leser im Auge haben.

Dabei zeigt ein Vergleich der Inhaltsangabe auf der deutschen Webseite von Falstaff mit der Inhaltsangabe auf der österreichischen Webseite: Die Unterschiede zwischen beiden Ausgaben scheinen eher marginal.

Na klar: Das kleine Editorial des Herausgebers (und ehemaligen RTL-Chefredakteurs) Hans Mahr zur deutschen Erstausgabe fehlt logischerweise im österreichischen Pendant. Aber sonst?

Wo hier die Tomaten als “Super Steak vom Strauch” entdeckt werden, kommen sie dort als “Paradiesische Paradeiser” daher. Wo hier im “Gourmetguide” die “spannendsten Restaurants Deutschlands auf dem Prüfstand” stehen, ist es dort “Bachls Sixpack” mit “Sechs Restaurants im Test”. Und dergleichen Lokalkolorit mehr …

Die großen Geschichten von Falstaff sind in beiden Ausgaben gleichermaßen vertreten. Und warum sollten sie auch nicht? So schön erzählt, so lustvoll bebildert, so interessant geschrieben.

Der Bericht über Günther Jauch als Winzer stellt genau die Fragen, die die Boulevardpresse nie interessieren würden. Das Titelthema Trüffel ist so spannend gemacht, dass selbst Trüffelbanausen wie ich es neugierig querlesen. Und dann natürlich “Großstadtreben”: eine Hommage an die Weinberge Wiens, die dann doch keinen Zweifel mehr daran lässt, wo der Falstaff seine Wurzeln hat.

Meine Empfehlung: Machen Sie sich einen grossartigen Abend mit Falstaff. Die deutsche Erstausgabe 01/2010 jetzt für 7,50 Euro am Kiosk.

Insgesamt 180 Seiten im üppigen Großformat 30 mal 23,5 cm. Auf angenehmem Papier, mit tollen Geschichten und Fotos. Und ja, ich finde: auch mit dem typisch österreichischem Charme zwischen den Zeilen. Mir gefällt das.

Jedenfalls freue ich mich schon jetzt auf einen großartigen Abend mit der zweiten Ausgabe. Die kommt am 24. November 2010. Ab 2011 gibt’s den deutschen Falstaff dann sechs Mal im Jahr (gegenüber acht Mal in Österreich). Drücken wir die Daumen, dass es lange so bleibt. Länger als ein Jahrzehnt.

Feeling fifty-fine –
Edgar Wilkening

September 21, 2010 Posted Under: Alle, Publik   Jetzt Kommentar dazu schreiben