Ich lade Sie herzlich ein: Ruinieren Sie meinen Biertisch!
Autor: Edgar Wilkening | Fotos: Edgar Wilkening
In München ist die Wies’n in vollem Gange. Soll St. Pauli da etwa zurückstehen? Deshalb hab ich mir kurzerhand eine niegelnagelneue Biertischgarnitur zugelegt.
Ich finde: ein Produkt, das einfach genial ist. Simpel aufzubauen, simpel abzubauen, bietet viel Platz, nimmt selbst kaum Platz weg. Und um ehrlich zu sein: Ich mag auch das unkomplizierte Sitz- und Lebensgefühl, das diese Art Möbel vermittelt.
Die Bierbank als Symbol lässigen Lebensstils? Na klar, warum nicht. Sozusagen das deutsche Pendant zum englischen Pub, der ebenfalls alle sozialen Schichten, für die kurze Dauer ihres Aufenthalts, in einem kleinen klassenlosen Mikrokosmos eint.
Haken der Biermöbel: Für gewöhnlich bestehen sie aus billigstem Material, fix zusammengeschrotet. Weichholz, Eisen, Lack – zick, zack, fertig. Anders gesagt: geniales System, lausige Umsetzung.
Das hat zur Folge, dass quasi direkt nach dem Kauf einer niegelnagelneuen Garnitur schon nix mehr niegelnagelneu ist. Erst recht, wenn Tische und Bänke – wie in meinem Fall – unter freiem Himmel stehen, schutzlos Wind und Wetter ausgeliefert.
Und nein: Ich habe nicht die Absicht, sie bei jedem kleinen Guss reinzuholen, einzupacken, abzuwischen oder zuzudecken. Wär ja noch schöner, wenn ich mir meinen lässigen Lebensstil durch kleinbürgerliche Anwandlungen ruinieren würde. Nein, nicht mal im triefendsten Herbst oder tiefsten Winter werde ich das Mobiliar aus der Witterung nehmen.
In so einem Fall gibt’s zwei Möglichkeiten. Erstens: Man bessert den ab Werk gelieferten Schutzzustand der Möbel nach, damit sie der Witterung widerstehen. Also losen Lack runter, Lücken spachteln, Poren schließen, Ritzen versiegeln, grundieren, lackieren, anschleifen, nachstreichen – und das regelmäßig immer wieder, auf dass ja kein Wässerchen die sensiblen Materialien trüben könnte.
Da hab ich mich doch lieber für Möglichkeit Zwei entschieden. Allerdings in einer radikal verschärften Version.
Statt den schier aussichtslosen Kampf gegen die Naturgewalten aufzunehmen und Tage damit zu verbringen, die Garnitur wie geleckt aussehen zu lassen, werde ich das Gegenteil tun: Ich werde sie verwittern lassen.
Nein, falsch, nicht einfach nur verwittern – ich werde den Erosionsprozess noch nach Kräften fördern: durch feine, kleine Messerschnitzereien in der Oberfläche des Holzes. Und dazu lade ich Sie herzlich ein!
Wofür Sie in Bayern lebenslanges Hausverbot kassieren, bei mir auf St. Pauli ist es erlaubt: Ruinieren Sie mir meinen Biertisch mit Ihrer Schnitzerei!
Ritzen Sie den Lack ein! Schlitzen Sie das Holz auf! Kritzeln Sie Ihr Zeichen rein!
Solange genug Holz an der Platte bleibt, dass der Tisch stabil ist, dürfen Sie zeigen, zu welcher Kunstfertigkeit Sie als Dreamteam fähig sind: nur Sie und Ihr Taschenmesser – allein im Kampf gegen die götzenhafte Schönheit glatter Oberflächen!
Wer weiß: Vielleicht steuern ein paar Künstler aus meinem Umfeld ebenfalls ihre Ritzereien bei. Und irgendwann ist der Tisch so kunstvoll verziert, so außergewöhnlich, persönlich und besonders, dass wir ihn für viel Geld und einen guten Zweck bei ebay versteigern. In dem Fall besorge ich sofort einen niegelnagelneuen, dem das gleiche Schicksal blüht.
Also: Hauchen wir dem Biertisch Leben ein! Lassen wir ihn berichten von den Abenden, die wir mit ihm verbracht haben, an ihm gefeiert, gelebt, gelacht haben. Mit jeder Schnitzerei erzählt er eine neue Episode – auch wenn er am Ende darüber zerbrechen wird.
Sich nicht an oberflächliche Schönheit zu klammern, sondern Veränderung zu pflegen und dabei lustvoll vom Lauf der Zeit zu erzählen: Aus so viel Biertisch-Philosophie würde manch einer glatt schon wieder eine Lebensweisheit machen.
Feeling fifty-fine –
Edgar Wilkening
PS: Das erste durchgeregnete Wochenende hat der Tisch schon hinter sich. Also, machen Sie schnell: Der Erosionsprozess hat schon begonnen! Und dabei steht uns der Winter erst noch bevor …






