Das vielleicht schönste Weihnachtsgeschenk dieses Jahr? Legt uns ein Brite unter den Tannenbaum

Das vielleicht schönste Weihnachtsgeschenk dieses Jahr? Legt uns ein Brite unter den Tannenbaum

Autor: Edgar Wilkening | Fotos: Bayerischer Rundfunk
Wie viele Präsente türmen sich bei Ihnen dieses Jahr unterm Tannenbaum? Womöglich so viele, dass Sie das vielleicht schönste Weihnachtsgeschenk am Ende glatt übersehen könnten.

Und das wäre schade! Denn es kommt von einem Briten: Stuart Pigott, Weinexperte mit ausgeprägtem Hang zu exaltierten Sakkos.

Verblüffend: Der Engländer hält die deutsche Fahne hoch. Sehr hoch. Höher als viele Deutsche. Jedenfalls, solange es um Wein geht. Statt Chardonnay mit Täterä und Pinot Grigio von irgendwo schwört Pigott auf Riesling aus dem Rheingau, aus Rheinhessen, Rotwein von der Ahr, Süßwein von Mosel, Ruwer, Saar – und dergleichen mehr, was deutsche Weingaue so hervorbringen.

Gaue? Schon der Terminus weckt Erinnerungen an Zeiten, die diesem Land und auch dem Rest der Welt nicht gut bekommen sind. Und just diese Zeiten sind entscheidend mitverantwortlich für den beispiellosen Niedergang deutschen Weins im letzten Jahrhundert.

Zum Beispiel durch Zerschlagung internationaler Handelsstrukturen für deutschen Wein. Denn die meisten waren in jüdischem Besitz. Händler, die oft über Generationen Verbindungen in alle Welt gepflegt hatten, wurden deportiert und ermordet.

Die deutschen Günstlinge, die an ihrer Stelle eingesetzt wurden, zeichneten sich meist vor allem dadurch aus, dass sie weder zu den hellsten Sternen am Abendhimmel gehörten noch ausreichende Erfahrungen und Verbindungen hatten.

Heute kaum mehr vorstellbar, aber noch Anfang des 20. Jahrhunderts war Traben-Trarbach an der Mosel einer der beiden bedeutendsten Weinhandelsorte der Welt: auf Augenhöhe mit Bordeaux. Deutscher Wein genoss Weltruf. Und wurde zu Spitzenpreisen gehandelt, teurer als Bordeaux-Gewächse.

Zwei Vertreter der neuen deutschen Winzergeneration bestätigten das, als ich kürzlich mit ihnen sprach: H.O. Spanier vom renommierten rheinhessischen Weingut Battenfeld-Spanier und Roman Niewodniczanski vom ebenso renommierten Weingut Van Volxem an der Saar.

Unabhängig voneinander berichteten beide von Weinkarten auf historischen Luxuslinern wie der Titanic. Die besten deutschen Weine wurden darin zu Preisen geführt, doppelt, dreifach, vierfach so hoch wie jene Bordeaux-Namen, bei denen heute schon eine einzelne Flasche einen drei- oder gar vierstelligen Betrag fordert. Bordeaux-Weine wurden damals auf den letzten Seiten der Weinkarten geführt. Man bestellte sie, wenn man einfach nur “noch was zu trinken” wollte.

Rund hundert Jahre später ist vom damaligen Glanz deutscher Weine wenig geblieben. Und Traben-Trarbach längst in den Schlaf eines kleinen Provinznests gesunken.

Aber es gibt sie: ambitionierte Winzer, die an frühere Glanzzeiten anknüpfen wollen. Die sich von den Nachkriegsprinzipien ihrer Väter trennen und lieber zurückkehren zur Klasse statt auf Masse zu setzen. Die beiden oben genannten Winzer gehören dazu. Aber sie sind bei weitem nicht allein. Seit fünfzehn, zwanzig Jahren tut sich Erstaunliches in deutschen Weinlanden.

Vom “Weinwunder Deutschland” spricht der Brite Pigott deshalb und ergänzt: “Vor einer Generation gab es zwar gute deutsche Weine, aber man musste unglaublich danach suchen, um ein paar aufzutreiben. Heute gibt es sie in Hülle und Fülle in jeder Preislage!”

Am ersten Weihnachtstag, pünktlich um 16.30 Uhr, legt uns der Bayerische Rundfunk dieses Weinwunder unter den Tannenbaum. Als erste Folge einer TV-Dokuserie, in der Stuart Pigott auf eine Reise quer durch Deutschland geht, um dem deutschen Weinwunder auf die Spur zu kommen.

Thema der ersten Folge: “Die Riesling-Renaissance”. Auch auf die Gefahr, den deutschen Automobilbauern und der deutschen Nationalelf auf die Füße zu treten, behauptet Pigott: “Der Riesling ist eine der bedeutendsten kulturellen Botschaften Deutschlands an die Welt.”

Tolles Statement! Deshalb freue ich mich schon jetzt auf dieses wunderbare Weihnachtsgeschenk. Auf die erste Folge genauso wie auf die weiteren. Die widmen sich Themen wie der deutschen Rotwein-Revolution, der Ökowein-Welle und den jungen Wilden im Wein.

Also, verpassen Sie’s nicht! Bei mir sind schon alle Festplattenrecorder programmiert. Und wenn Sie die Serie sehen: Schreiben Sie mir, wie sie Ihnen gefällt. Am besten für alle lesbar: als Kommentar hier unter dem Posting. Ich freue mich darauf!

Bis dahin schöne Weihnachten und angenehme Festtage!

Feeling fifty-fine –
Edgar Wilkening

“Weinwunder Deutschland” im Bayerischen Rundfunk

Samstag, 25. Dezember 2010, 16:30 Uhr Folge 1: Die Riesling-Renaissance
Pigott: „Der Riesling ist eine der bedeutendsten kulturellen Botschaften Deutschlands an die Welt.“

Sonntag, 26. Dezember 2010, 16:30 Uhr Folge 2: Die Rotwein-Revolution
Pigott: „Deutschland ist nicht mehr die ‘Gruselkammer des rötlichen Weines’.“

Freitag, 31. Dezember 2010, 16:30 Uhr Folge 3: Guter Wein in rauen Mengen?
Pigott: „Gibt es im Supermarkt wirklich gute deutsche Weine? Und zu welchem Preis? Wir verkosten blind.“

Samstag, 1. Januar 2011, 16:30 Uhr Folge 4: Die Ökowein-Welle
Pigott: „Ökologische Lebensmittel gab es noch vor zehn Jahren nur in komischen dunklen Läden, heute in jedem Supermarkt. Ökowein – schmeckt der?“

Sonntag, 2. Januar 2011, 16:30 Uhr Folge 5: Junge Wilde im Wein
Pigott: „Der deutsche Jungwinzer von heute ist eine ganz andere Kreatur als noch vor zehn oder zwanzig Jahren. Für sie oder ihn ist es ganz selbstverständlich, dass Wein ein Teil der Popkultur ist.“

Donnerstag, 6. Januar 2011, 16:30 Uhr Folge 6: Süßwein – ein Herbstmärchen?
Pigott: „Paradox: Der teuerste Wein ist süß, aber der billigste auch. Das ist doch Wahnsinn, das interessiert mich!“

Dezember 22, 2010 Post Under Alle, Gusto, Publik - Jetzt Kommentar dazu schreiben

4 Responses to “Das vielleicht schönste Weihnachtsgeschenk dieses Jahr? Legt uns ein Brite unter den Tannenbaum”

  1. Haben Sie’s gesehen? Ich habe jetzt auch Folge Sechs gesehen. Und allen Unkenrufen zum Trotz, die es zwischendurch (vielleicht zu Recht) von Weinprofis auf Facebook gab: Ich habe mich bei allen sechs Folgen köstlich amüsiert.

    Jawohl, mir hat’s wirklich gefallen! Die Geschichten, die Dramaturgie, die Kameraarbeit (großes Kompliment), die Personen, denen ich begegnet bin, die Musik – und auch Pigotts britische Art. Alles zusammen war so schön verwoben, dass der aufmerksame Gebührenzahler schnell merkte, dass hinter der Serie die Produktionsfirma megaherz steckt, die uns schon ähnlich gestrickte Fernsehperlen wie “Gernstl Unterwegs” beschert hat.
    Aber das Beste kommt noch! Denn …
    “Weinwunder Deutschland” ist laut Presseinformationen als Serie mit mehr als sechs Folgen angekündigt. Wir dürfen uns also auf Fortsetzung freuen. Vielleicht zu Ostern? Schön wär’s!
    Feeling fifty-fine – Edgar Wilkening

  2. Zur Info: Gestern habe ich Stuart Pigott auf der WineStyle in Hamburg getroffen und er berichtete, dass die nächsten Folgen der Serie “Weinwunder Deutschland” ab dem Frühjahr 2011 in Produktion gehen und dann vermutlich wieder rund um Weihnachten ausgestrahlt werden.
    Bis dahin werden die ersten sechs Folgen durch die dritten Programme der ARD tingeln und immer wieder mal zu sehen sein. Also alle, die die Erstausstrahlung verpasst haben: Augen offenhalten!
    Feeling fifty-fine – Edgar Wilkening

  3. Tipp: Mit dem TV-Agenten ( http://www.tvinfo.de/tv-agent ) kann man sich automatisch und rechtzeitig benachrichtigen lassen, wenn die gesuchte Sendung wieder im Sendeplan erscheint.

  4. Hallo PC’L,
    vielen Dank für den Tipp! Den TV-Agenten kannte ich noch nicht, habe mir so etwas aber schon lange gewünscht! Und heute gleich mal entsprechend zum Thema programmiert. Großartig, was es heute für hilfreiche Feature gibt!
    Feeling fifty-fine – Edgar

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