Archive for Januar, 2011

Ewiggestrige fragen immer noch arglose Mitmenschen nach dem Weg – und dem Namen der Band

Ewiggestrige fragen immer noch arglose Mitmenschen nach dem Weg – und dem Namen der Band

Autor und Fotos: Edgar Wilkening | Illustration: kjpargeter/vectorstock.com
Gehören Sie zu denen, die heutzutage mit dem Auto immer noch rechts ranfahren und den erstbesten Passanten mit der Frage behelligen: “Wo, bitte, geht’s denn hier zur Goethestraße?”

Mein Freund Gerd ist so einer. Wirklich netter Kerl. Belesen, kreativ, viel gereist. Aber hoffnungslos ewiggestrig.

Neulich abends saßen wir in einer Kneipe. Bis er plötzlich die Ohren spitzte: “Kennst du den Song, der da läuft?”

Mein Kopfschütteln quittierte Gerd mit einem “Sekunde”. Schon sprach er das arglose Mädchen hinter der Theke an, einen Finger dabei Richtung Boxen gereckt. Kopfschütteln.

Zerknirscht kehrte Gerd an unseren Tisch zurück. “Mist! Seit Wochen versuche ich rauszukriegen, wie der Song heißt. Oder wenigstens die Band.” Sein Gesicht verriet, dass ihm die Antwort bis ans Ende aller Tage in die Finsternis ewiger Mysterien verstoßen schien.

“Movin’ On 2011″, ließ ich beiläufig fallen.

Gerd glotzte mich glubschäugig an.

“So heißt der Song”, erklärte ich ihm.

“Ich denke, du kennst ihn nicht.”

“Kenne ich auch nicht. Na und? Kann doch trotzdem wissen, wie er heißt.”

Gerd guckte mich an, als hätte ich behauptet: “Ich weiß zwar nicht, wo in Gifhorn die Goethestraße ist, ich weiß nicht mal, wo Gifhorn liegt, aber deswegen kann ich doch trotzdem wissen, wie man hinfährt.”

“Ist übrigens von Fleetside featuring Carolyn Harding, der Song. Und was da gerade läuft, ist der ‘Groove Junkies MoHo Vox’-Mix.”

Gerd war sichtlich überfordert. Er gehört zu denen, die immer noch einen furiosen Fundus Falk-Pläne für alle Fälle und fast alle Städte im Kofferraum ihres Wagens mit sich führen.

Und wenn dieser Wissenschatz an seine Grenzen gerät, wird eben rechts rangefahren und ein argloser Fremder genötigt: “Kennen Sie den Titel, der hier gerade im Autoradio läuft? Und den Weg zur Goethestraße?”

Nein, neumodisches Zeug wie ein Navi käme für Gerd niemals in Frage. Deshalb konnte er sich auch keinen Reim darauf machen, als ich mein Mobiltelefon aus der Tasche holte und ein paar Mal übers Display wischte, während er hinter der Theke Antwort auf seine drängenden Fragen suchte.

Auf meinem Telefon befindet sich eine unscheinbare, kleine App, die wahre Wunder vollbringt. Und manchmal sogar Auskunft weiß auf Fragen, deren Antwort bis ans Ende aller Tage in die Finsternis ewiger Mysterien verstoßen scheinen. Ihr Name: Shazam.

Shazam ist eine Software, die Songs erkennt. Eine Art Navigationsgerät, das souverän durch die große, weite Welt der Musik führt.

Das funktioniert so verblüffend, dass man nicht nur beim ersten Mal, sondern immer wieder geplättet ist.

Sie hören Musik, im Radio, in einer Bar, im Club und Sie wollen die Details dazu? Telefon raus, Shazam starten – und los.

Shazam lauscht mit Ihnen zusammen der Musik. Etwa zehn Sekunden lang, angezeigt durch eine stilisierte Vinylscheibe im Display.

Dabei erkennt Shazam charakteristische Muster in der Musik. Sozusagen den individuellen Fingerabdruck eines Songs.

Diesen Fingerabdruck sendet Shazam automatisch an eine große Fingerabdruck-Kartei, wo sozusagen die Personalakte des Songs aus dem Register gezogen wird.

Und wenige Sekunden später hat man das Ergebnis im Display: Titel, Interpret, Album – und, und, und. Alles, was Shazam über den Song erfahren konnte.

Sofern im Personalregister auch noch das Albumcover hinterlegt ist, wird es ebenfalls angezeigt. Außerdem Tourdaten abrufbar, YouTube-Videos und mehr.

Das Ganze funktioniert erstaunlich zuverlässig. Bei gängigem Dudelpop gibt’s eh keine Aussetzer. Aber abgefahrene Jazz-Alben? Club-Mixes? Arien aus Bachs Weihnachtsoratorium? Erkannte Shazam in meinem persönlichen kleinen Testfeld alles sehr genau. Nur bei sehr speziellen DJ-Mixes musste Shazam passen.

Ein nützliches kleines Wunderding, das in der Anwendung wirklich verblüfft. Probieren Sie’s aus! Shazam liegt für alle gängigen Plattformen vor und ist in der Grundversion kostenlos. Damit kann man bis zu fünf Musikrecherchen pro Monat durchführen. Dem durchschnittlichen Musikfreund dürfte das schon genügen.

Nur meinen Freund Gerd wird all das nicht überzeugen. Um ehrlich zu sein: Ich bin schon froh, dass ich ihn zu einer E-Mail-Adresse überreden konnte.

Navis, Shazam und andere Nützlichkeiten des 21. Jahrhunderts wird er weiter ignorieren. Und beim nächsten Song wieder rechts ranfahren oder an die Theke hüpfen: “Kennen Sie die Band? Wissen Sie, wie ich den Bericht lesen kann, der im Internet über mich steht? Und können Sie mir sagen, wie spät es ist?” Eigentlich ein netter Kerl …

Feeling fifty-fine -
Edgar Wilkening

PS: In meinem gesamten Bekanntenkreis gibt’s niemanden, der Gerd heißt. Also wurde der Name von der Redaktion ganz offensichtlich geändert.

PPS: Für alle, die gern Auswahl haben, sei der SoundHound erwähnt. Gleiches Prinzip wie Shazam, gilt aber als etwas schneller in der Titelerkennung – und soll sogar selbstgesungene Songs erkennen können.

PPPS: “Movin’ On 2011″ im “Groove Junkies MoHo Vox”-Mix von Fleetside featuring Carloyn Harding finde ich richtig klasse. Deshalb hier der Link.

Januar 31, 2011 Posted Under: Alle, Digi, Tipps   Jetzt Kommentar dazu schreiben

Auf ein, zwei, dreizehn Bierchen mit dem Weltmeister!

Auf ein, zwei, dreizehn Bierchen mit dem Weltmeister!

Autor: Edgar Wilkening | Fotos: Edgar Wilkening
Was ist das Schönste nach einer großen Weinprobe? Alle, die ich kenne, sind sich einig: Man ist so satt von Wein – da ist das Schönste hinterher ein kühles, frisches Bier.

Offensichtlich zu Recht. Denn die immer noch gebräuchliche Unterscheidung zwischen Wein gleich edel und Bier gleich schlicht ist so hanebüchen wie die Unterteilung in U- und E-Musik. Ewiggestrig.

Das zu beweisen hat sich Karl Schiffner zur Aufgabe gemacht. Der Österreicher ist gelernter Sommelier. Und zwar: sowohl für Wein als auch für Bier.

Außerdem übertrumpfte er 2009 bei einem Wettbewerb knapp fünfzig Mitbewerber aus halb Europa. Und trägt seitdem ganz offiziell den Titel “1. Biersommelier Weltmeister”. Umso spannender, ihn persönlich zu erleben: vorgestern bei einem Bierdegustations-Menü im Hamburger Restaurant Pluto.

Und was bitteschön, fragen Sie jetzt vielleicht, haben Omas niedliche Likörgläschen hier beim Thema Bier verloren?

Nix da, Likör! Es handelt sich um speziell designte Bier-Degustationsgläser. Von Karl Schiffner extra für das Verkosten von Bier entwickelt. Weit entfernt vom bayerischen Maßkrug. Aber zum Prüfen und Probieren braucht man nun mal keinen Humpen, genau wie bei Wein. Sondern es reichen, im wahrsten Sinne des Wortes: Bierchen.

Die bauchige Form der Degustationsgläser erlaubt dem Bier beim Einschenken Luftkontakt und damit die Entfaltung der Aromen. Die schmale Taille soll verhindern, dass dabei Kohlensäure entweicht. Und der geschwungene Rand garantiert eine Punktlandung des Bieres direkt an der Zungenspitze, damit ausgehend von dort alle Noten schmeckbar werden.

Biertrinken aus der Flasche? Ein Graus für den Sommelier: “Wer direkt aus der Flasche trinkt, gibt dem Bier keine Chance sich im Mundraum zu entfalten. Übrig bleibt nur das Bittere.”

Trotzdem: Zu kaufen gibt es die Degustationsgläser nirgends. Schiffner nutzt sie exklusiv in seinem Biergasthaus im österreichischen Aigen und bei seinen Verkostungen.

Los ging’s mit einer Blindprobe. Fünf unterschiedliche Biere im Glas, ohne Kenntnis von Brauart, Marke, Herkunft. Unvoreingenommen schauen, riechen, schmecken. Ganz auf die eigenen Sinne reduziert. In Weinrunden passiert einem das öfter. Aber bei Bier?

Probieren Sie’s aus. Selbst ohne Degustationsglas: spannend, wie neu, anders und differenziert man das vermeintliche Allerweltsgetränk wahrnehmen kann.

Dabei waren die Blindproben-Biere noch harmlos. Allesamt nach dem deutschen Reinheitsgebot gebraut und, wie sich herausstellte, aus dem Hause Warsteiner (inklusive König Ludwig), mit dem Biersommelier Schiffner seine Verkostungen in Deutschland durchführt.

Wirklich aufregend wurde es dann beim Aperitif. Der Weltmeister servierte als Auftakt vor dem Menü ein belgisches Himbeer-Bier.

Was war das Ungewöhnlichste am Framboise Boon? Dass es spontanvergoren war? Ein Begriff, der in der Weinszene längst seine Runden zieht – aber bei Bier? Dass während des Brauvorgangs 25 Prozent Himbeeren und 4 Prozent Sauerkirschen zugegeben werden? Dass es ein ausgewiesenes Jahrgangs-Bier war, nämlich von 2008? Dass es in einer schweren Champagnerflasche kam? Dass es in Sektgläsern serviert wurde? Dass man ihm, wie bei guten Weinen, ein Lagerpotenzial von zehn bis fünfzehn Jahren gibt? Oder waren es am Ende doch die verblüffenden, fruchtigen Noten in Nase und Mund?

Biere wie das Framboise Boon stellen offensiv den Sinn des heißgeliebten deutschen Reinheitsgebots in Frage. Was spricht dagegen, einem Bier Früchte, Kräuter oder andere Zutaten mit auf den Weg zu geben, wenn sich daraus solche Geschmacksdimensionen ergeben können?

Deutschland paradox: Natürliche Früchte während des Brauens sind verboten. Aber hinterher künstliche Aromen reinkippen und die Brühe als Mixgetränk unter die Leute bringen ist erlaubt.

Der nächste Hammer war ein Bier, das sich 5 a.m. Saint nennt und von einer kleinen schottischen Brauerei namens BrewDog Brewery stammt. “Beer for punks” haben sich die Macher auf die Fahnen geschrieben und rufen zur “craft beer revolution” auf – aber nur mit besten natürlichen Rohstoffen.

Hätte ich das Getränk blind im Glas gehabt und nur nach dem ersten Eindruck in der Nase bewertet, ich hätte lauthals “Gewürztraminer” in die Runde gerufen: ausgeprägte Rosenaromatik. Aber schon der Blick auf die rotblonde Farbe wollte nicht mehr zur Rebsorte passen. Handelte sich eben doch um Bier. Sehr verblüffend.

Im Mund paarte sich die Rosenaromatik grandios mit Passionsfrucht und der Herbe von Bier. Sehr außergewöhnliches Geschmackserlebnis. Das Geheimnis: amerikanischer Aromahopfen. Wenn Sie mal die Chance haben, Biere von BrewDog zu probieren: unbedingt machen!

Es folgte ein London Porter von Meantime, das mit Röstaromen von Kaffee und Schokolade einen Rinderschmorbraten kongenial zu begleiten wusste.

Dann zwei Trappistenbiere aus den Niederlanden: ein La Trappe Triple, das seine Aromatik von Koriander bezieht, und ein La Trappe Quadrupel, das seinen Geschmack einer Reifung in Eichenholzfässern verdankt. Und weitere …

Insgesamt acht Spezialbiere, die im Rahmen des Menüs ihre erstaunliche Kombinationsfähigkeit mit Speisen unter Beweis stellten. Dazu die fünf Blindproben vom Anfang: macht unterm Strich dreizehn beeindruckende Bierchen mit dem Weltmeister Karl Schiffner. Ein spannendes Erlebnis!

Blieb am Ende nur noch die Frage: Was ist eigentlich nach einer großen Bierprobe das Schönste? Um ehrlich zu sein: Ich war so satt von Bier – mir war nach einem kühlen, frischen Riesling.

Feeling fifty-fine -
Edgar Wilkening

Januar 16, 2011 Posted Under: Alle, Gusto   Jetzt Kommentar dazu schreiben