Bye-bye Mainstream! Wenn Revoluzzer den Biermarkt aufmischen

Bye-bye Mainstream! Wenn Revoluzzer den Biermarkt aufmischen

Autor: Edgar Wilkening | Fotos: Edgar Wilkening | Filme: BrewDog
Was für eine abgerockte Location! Die Soulkitchen Halle im ewigen Hamburger Newcomer-Tipp Wilhelmsburg. Heißt so, weil sie als Drehort für Fatih Akins gleichnamigen Film diente. Ein Ort, der nur so strotzt vor verwarztem Abrisscharme.

In Science-fiction-Filmen sind es diese Art maroder Abbruchbauten, in denen sich die Resistance trifft: die letzten Versprengten einer Widerstandsbewegung, die den verzweifelten Kampf gegen alles unterwerfende Tyrannen organisieren.

So auch hier. Es geht um Bier. Aber eigentlich geht es um viel, viel mehr.

Das Handelshaus Bierland Getränke hatte eine Verkostung von Bieren der schottischen Brauerei BrewDog organisiert. Spannendes Thema. Denn gar nicht lange her, da war mir ein 5 a.m. Saint von BrewDog begegnet und hatte mich nachhaltig beeindruckt.

Hundert Prozent nach dem deutschen Reinheitsgebot gebraut, aber tausend Prozent vom deutschen Einheitsgeschmack entfernt.

“Beer for Punks” schreiben sich die BrewDog-Leute auf die Fahnen. Und verstehen sich als Resistance im Kampf gegen Einförmigkeit und Gleichmacherei. Durchaus nachvollziehbar.

Das, was die Flaschen mit den trashigen Etiketten enthalten, ist Bier gewordener Widerstand gegen den Mainstream. Gegen den Geschmacks-Gleichschritt der großen Konzerne.

Dagegen rebellieren die schottischen Brauer mit Leidenschaft. Mit Witz. Und mit Bieren, die einen eigenen Kopf haben. Charakter. Persönlichkeit. Geschmack. Und auf diese Weise deutlich herausstechen aus dem breiten Mainstream.

Bier mit Geschmack? Professionellen Besserwissern und Kennichschonern fallen da gleich belgische Biere mit ihren Zusätzen und künstlichen Aromen ein. Was bei Halbschlaumeiern automatisch den Abwinkreflex auslöst. Tja, wieder mal weit daneben, Jungs!

Basis aller BrewDog-Biere sind die Brauklassiker Wasser, Gerste, Hopfen, Hefe. Sonst nichts. Ganz wie hierzulande. Aber was die Schotten daraus zusammengären, lässt einen manches Mal vergessen, dass man es mit Bier zu tun hat.

Das Geheimnis der Rebellen liegt vor allem im Hopfen. Erstens in seiner Qualität. Und zweitens in seiner Vielfalt: Chinook, Simcoe, Ahtanum, Cascade, Centennial – Sorten, von denen das Gros deutscher Brauer wahrscheinlich kaum mal gehört haben dürfte.

So wie Nelson Sauvin. Aromahopfen aus Neuseeland. Bringt Frucht- und Blütenaromen. Im 5 a.m. Saint lassen sie an Gewürztraminer denken. Dichte Noten von Rose, dazu Grapefruit, Limone.

Die Schotten spielen mit der weltweiten Fülle unterschiedlicher Hopfensorten. Und statt den teuren Rohstoff eher homöopathisch zu dosieren, wie es übliche Praxis in Brauhäusern ist, schütten sie ihn gleich eimerweise in ihre Gärbottiche.

Kein Wunder also, dass sich die BrewDog-Gründer James Watt und Martin Dickie wie Revoluzzer fühlen. Und auch so aufführen. In dem Video oben lassen sie die Industriebiere von Bud bis Beck’s beim Bowling reihenweise zerkrachen, benutzen sie als Ziel zum Tontaubenschießen und zerdeppern sie lustvoll wie Golfbälle. Motto: Weg mit den Großen!

Eine Attitüde, die uns Frühergeborene an die Anfangszeiten von Apple erinnert. Es war 1984, als der Computer-David den allmächtigen PC-Goliath herausforderte und zum Widerstand gegen den Gleichschritt aufrief. Ein Konzept, das funktionierte. So erfolgreich, dass der Revoluzzer von damals längst selbst zum mächtigen Riesen wurde.

BrewDog bedient sich dieser Haltung so konsequent, dass im Video unten sogar inhaltliche Parallelen zum legendären Apple-Spot auftauchen: “Das Ministry of Mainstream informiert.”

Nonkonformität als Prinzip: in Form außergewöhnlicher Produkte und klarer Haltung. Mit dieser Kombination zieht BrewDog im Moment gerade ins Sortiment von ein, zwei Handvoll Hamburger Szenelokale ein.

Das Bionade-Modell: von der Szenegastronomie in den Mainstream deutscher Supermärkte. Man muss kein Science-fiction-Autor sein, um vorherzusagen, dass sich die Resistance ihren Weg bahnen wird, wenn sie sich treu bleibt. Ich bin sicher: In zehn, fünfzehn Jahren werden die Biere für Punks genauso im Supermarkt zu finden sein wie heute die Bio-Limo.

Wer nicht so lange warten will, um zu probieren, wie Widerstand gegen den Mainstream schmeckt, muss sich zur Zeit noch auf die Suche machen nach den Flaschen mit dem trashigen Etikett. Tipp: Halten Sie Ausschau nach abgerockten Locations! Es lohnt sich.

Feeling fifty-fine -
Edgar Wilkening

Mai 26, 2011 Post Under Alle, Gusto - Jetzt Kommentar dazu schreiben

10 Responses to “Bye-bye Mainstream! Wenn Revoluzzer den Biermarkt aufmischen”

  1. Jens sagt:

    Gute Geschichte! Muss ich unbedingt mal probieren, die Biere. In welchen Szeneläden gibt’s die denn schon? Schön auch das mit den Filmen im Beitrag: macht’ s noch lebendiger.

  2. Ja genau: Bezugsquelle?

  3. Die Biere von BrewDog sind wo wohl erhältlich …?
    … natürlich: im gut sortierten Fachhandel. :-) Zum Beispiel bei Bierland Hamburg (dem Veranstalter der Verkostung) in Hamburg-Wandsbek.
    Es lohnt sich aber auch, nach BrewDog zu googeln, denn es wird in manchen Online-Shops geführt.
    Und in der Hamburger Gastronomie wird es aktuell gerade ins Sortiment zum Beispiel vom aufgenommen.
    Viel Spaß Euch beim Probieren!

  4. otto sagt:

    “Professionellen Besserwissern und Kennichschonern fallen da gleich belgische Biere mit ihren Zusätzen und künstlichen Aromen ein. ” Das zu behaupten ist eine Frechheit. Gute belgische Biere enthalten mitnichten Zusätze und Aromen. Auch wie in diesem Artikel das “Reinheitsgebot” abgefeiert wird, zeugt nicht von Bierverstand. 1. Ist das Reinheitsgebot nicht so rein, wie suggeriert wird. Bei obergärischen Bieren sind “Zusätze” wie Zucker zulässig. 2. Dient es der Gängelung der Kreativität der Brauzunft. So dürfte laut dieses Diktats die Gose nicht gebraut werden, wenngleich nur beste “Zusätze” wie z. B. Koriander mitverbraut werden.
    Aber bestimmt machen die Schotten trotz Reinheitsgebot ein klasse Bier.

  5. @otto: Sie haben natürlich Recht, dass man nicht alle belgischen Biere über einen Kamm scheren darf. Und in der Tat: Premium-Biere aus Belgien, wie ich sie vor einiger Zeit schon mal vorgestellt hatte auf http://www.fiftyfine.de/2011/01/16/auf-ein-zwei-dreizehn-bierchen-mit-dem-weltmeister/ verzichten auf künstliche Aromen etc.
    Aber was den Zusatz von Zucker bei obergärigen Bieren betrifft: Ich habe gestern Abend Biersommelier-Weltmeister Karl Schiffner getroffen und dazu befragt. Seine Antwort: Der Zusatz von Zucker ist in Österreich erlaubt (auf Grund der dortigen lebensmittelrechtlichen Gesetzeslage), in Deutschland aber verboten.
    Na, und über Sinn und Unsinn des Reinheitsgebots lässt sich natürlich herrlich streiten (wie es in entsprechenden Foren ja auch geschieht.) Karl Schiffner sagte mir dazu gestern Abend, er würde das Reinheitsgebot eher noch verschärfen und den Brauern deutlich strengere Auflagen machen statt es zu lockern.

  6. Jens sagt:

    Was für ein Schwachmat, dieser otto! Fehlenden Sachverstand bemängeln und selbst keine Ahnung! Oder glaubt er, Österreich würde immer noch dem deutschen Reinheitsgebot unterliegen? Na ja, Sachverstand ist halt nicht jedem in die Wiege gelegt, aber mitsabbeln dürfen ja trotzdem alle. Jens

  7. otto sagt:

    @Edgar Wilkening: Ein Biersommelier ist wohl keine schlechte Autorität. Ich denke aber, dass der Gesetzestext mehr wiegt. Hier ein Link: http://www.besser-bier-brauen.de/sites/default/files/misc/biergesetz.pdf (s. § 9). Informativ auch: http://www.besser-bier-brauen.de/kolumnen/so-siehts-aus/das-reinheitsgebot-die-reine-wahrheit

    Was ansonsten Karl Schiffner anbelangt: Macht der nicht Werbung für Warsteiner? Ein Bier das m. E. eher dem Massenbetrug dient. Hatte das nicht auch mal Probleme wg. der Bezeichnung Pilsener? Über Lebensmittelgesetze kann man natürlich diskutieren, aber der Begriff “Reinheitsgebot” ist ein Euphemismus, der unter dem Label “Reinheit” die Kreativität der Brauer einschränkt. Wieso sollte man nicht BIERE wie die Gose brauen dürfen?

    @Jens: Sieh doch bitte auch mal ins Gesetz. Vielleicht kannst du dir den Originaltext aus der Bücherei ausleihen, falls du die Quelle nicht vertrauenswürdig findest. Das, was du machst, nennt man auch aggresives Punkte sammeln. Da wurde ich vermeintlich widerlegt und dir fällt nichts besseres ein, als den verbalen Knüppel rauszuholen und draufzuschlagen.

  8. @otto: Vielen Dank für den Kommentar und die Links! Da ich privat mit Word erstellten Dokumenten (wie dem im obigen Post verlinkten PDF) nicht immer hundertprozentig vertraue, habe ich mich auf die Suche nach offizielleren Quellen begeben und bin dabei auf das Jura-Archiv der Uni Saarland gestoßen.:
    http://archiv.jura.uni-saarland.de/BGBl/TEIL1/1993/19931400.1.HTML
    Sie haben Recht, otto: Dort wird das Bundesgesetzblatt 1993 Teil I Seite 14000 (Vorläufiges Biergesetz) zitiert, das in § 9 (2) über die Bereitung von obergärigem Bier besagt:
    “… es ist hierbei jedoch auch die Verwendung von anderem Malz und die Verwendung von technisch reinem Rohr-, Rüben- oder Invertzucker sowie von Stärkezucker und aus Zucker der bezeichneten Art hergestellten Farbmitteln zulässig.”
    Insofern ist die weiter oben zitierte Aussage von Karl Schiffner zur Aufzuckerung obergäriger Biere in Deutschland offensichtlich nicht richtig.
    Vielen Dank für den entsprechenden Hinweis und die Richtigstellung!
    Also: Es bleibt spannend – und lohnt sich, sich in Sachen Lifestyle nicht mit vordergründigen Marketingaussagen zufrieden zu geben. Genau der Kern dieses Blogs.
    Feeling fine –
    Edgar Wilkening

  9. @Jens und @all: Ich liebe es, wenn sich hier ein Diskurs über Lifestyle-Themen und die Substanz hinter den Oberflächen entwickelt. Aber ich wünsche mir, dass wir dabei fair und sachlich miteinander umgehen. Edgar

  10. otto sagt:

    Salut, nach dem zweiten Lesen fand ich meinen ersten Beitrag auch ein wenig zu harsch. Als Freund belgischer Biere habe ich gewissermaßen einen missionarischen Eifer entwickelt, der da mit mir durchgegangen ist. Ich finde die (aromen) Vielfalt dieser Biere einfach klasse. Und das mit dem Reinheitsgebot hatte mich selbst überrascht.
    Freue mich auf weitere Meldungen aus der Welt des Bieres…
    otto

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