Die erste Vermählung, bei der mehr als zwei Partner erlaubt sind

Die erste Vermählung, bei der mehr als zwei Partner erlaubt sind

Autor: Edgar Wilkening | Fotos: Edgar Wilkening
Das hätten Sie gern, dass hier kleine Schmuddelgeschichten ausgebreitet werden, wie? Keine Chance! Die Vermählung, von der ich erzähle, ist weit davon entfernt für einen Skandal zu taugen. Im Gegenteil.

Gestern Abend fand in der hinreißenden Villa Verde von Weinexpertin Ina Finn ein Assemblage-Workshop statt: über die Kunst, Weine miteinander zu verschneiden.

Verschnitt? Was für ein hässliches Wort. Wer denkt da nicht an Panscherei, billigen Fusel und Resteverwertung? Wie viel schöner klingt da der Ausdruck, den die Winzer selbst verwenden. Sie sprechen vom Vermählen von Weinen.

Und tatsächlich: Bei dieser Art Vermählung ist es ausdrücklich mehr als zwei Partnern erlaubt, gemeinsam den Bund fürs Flaschen-Leben zu schließen. Beispiel Champagner. Klassischer Verschnittkandidat. Hier ist eine ménage à trois von drei Rebsorten keineswegs unanständig.

Ganz ähnlich im Bordeaux, auch so ein typisch verschnittener Tropfen. Nur, dass es hier sogar sechs Partner sind, die sich beim Rotwein das Ja-Wort geben dürfen.

Und dann der berühmte Châteauneuf-du-Pape. Puritanern sträuben sich alle Nackenhaare, wenn sie daran denken, dass hier 26 Partner allesamt gemeinsam ein Verhältnis miteinander eingehen dürfen – vollkommen legal.

Typisch Franzosen!, könnte man jetzt sagen. Und hätte damit auch noch Recht. Dem Drunter und Drüber in der Flasche, schlimmer als in Schnitzlers Reigen, begegnet man in Frankreich sehr viel häufiger als in Deutschland. Hierzulande sind eher reinsortige Weine verbreitet. Riesling. Silvaner. Spätburgunder. Eine Sorte, ein Mann, ein Wort.

Aber wenn wir mal ehrlich sind: Unter der Oberfläche geht’s auch in Deutschland weniger sittenstreng zu, als es nach außen den Anschein hat. Schon die Gutsweine der meisten Winzer sind genau genommen ebenfalls Verschnitte. Vielleicht aus einer Sorte, aber aus unterschiedlichen Lagen, unterschiedlichen Fässern, bisweilen sogar unterschiedlichen Jahren.

Selbst, wenn auf einer Flasche “Riesling” oder sonst eine Sorte vorne groß draufsteht, heißt das noch lange nicht, dass sich nur diese Rebsorte in der Flasche befindet.

Das Weingesetz erlaubt ausdrücklich die Beimengung anderer Sorten bis zu einem Anteil von fünfzehn Prozent. Und zwar: ohne dass dies auf dem Etikett deklariert werden muss. Außen Weißburgunder, innen fünfzehn Prozent Müller-Thurgau. Oder was auch immer. Alles erlaubt.

Verschnitt ist also beileibe nichts Ehrenrühriges. Im Idealfall ist es sogar große Kunst. Dann, wenn es nicht nur darum geht, die Schwächen der einen Sorte durch die Stärken einer anderen auszugleichen.

Sondern wenn etwas etwas Neues entsteht. Ein Wein, ein Geschmack, eine Charakteristik, die keine Rebsorte der Welt alleine schaffen könnte. In solchen Momenten ergibt eins plus eins nicht einfach zwei, sondern drei.

Wie viel Einfühlungsvermögen dazugehört, wie viel Experimentierfreude, wie viel Kunstfertigkeit und vor allem: wie viel Konzentration, das zeigte der gestrige Workshop am praktischen Beispiel.

Eingeladen hatte Inter Rhône, die Vermarktungsgesellschaft der Weine aus dem französischen Anbaugebiet Rhône. Nicht ohne Grund. Die meisten Weine von der Rhône sind Cuvées. Die kunstfertige Assemblage ist hier seit Jahrhunderten Teil der gewachsenen Weinkultur.

Önologe Sebastian Nickel, der den Workshop leitete, hatte drei Weine von der Rhône mitgebracht mit ganz unterschiedlicher Typizität. Einen kirschigen Grenache-Kandidaten, einen würzigen Syrah-Typ und einen im Fass ausgebauten Grenache-Mouvedre-Kollegen.

Nach einer kurzen Einführung in die Prinzipien der Assemblage ging es an die Arbeitsplätze. In vier Gruppen wurden die Basisweine analysiert, dann Mischungsverhältnisse probiert, Ergebnisse diskutiert und mit Prozentanteilen experimentiert.

Welcher Basiswein soll das Rückgrat der Cuvée bilden, also den höchsten Anteil stellen? Wie viel Frucht ist gewünscht, wie viel Säure, wie viel Tannin? Und: Schmeckt das Ergebnis?

Verblüffend, wie sehr sich die Aromen der verschiedenen Mischungen verschieben. Und wie schon wenige Prozentpunkte mehr oder weniger eines Basisweins zu einem ganz anderen Wein führen.

Wichtigstes Arbeitsutensil deshalb neben dem Messzylinder: der Stift für präzise Notizen. Anderenfalls geht man schon nach der dritten Mischung hoffnungslos verloren im Dickicht von Prozentzahlen und Geschmackseindrücken.

Dass jede neue Mischung aufmerksam gekostet werden will, aber nicht unbedingt geschluckt werden muss, versteht sich im professionellen Kontext ohnehin von selbst.

Am Ende hatte jede Arbeitsgruppe ihre ganz eigene Meister-Cuvée gemixt, die dann in großer Runde vorgestellt wurde. Spannend, wie unterschiedlich die Ergebnisse ausfielen. Und welche Beweggründe jeweils auschlaggebend waren.

Die Assemblage ist tatsächlich eine Kunst für sich. Sie kann aus schlechten Weinen keinen guten machen. Aber sie kann aus guten Weinen einen sehr guten neuen entstehen lassen.

Das können Sie übrigens jederzeit selbst zuhause nachvollziehen, wenn Sie mögen. Fangen Sie am besten mit zwei reinsortigen Weinen an: zwei Rebsorten aus dem gleichen Anbaugebiet.

Probieren Sie sie sowohl einzeln als auch fifty-fifty gemixt und dann jeweils ein Drittel zu zwei Drittel. Das macht unterm Strich schon mal fünf verschiedene Weine. Ich verspreche Ihnen, Sie werden Erstaunliches erleben.

Aber falls Sie weitere Gäste zu so einer Probe einladen, denken Sie bitte daran: Nur beim Wein sind mehr als zwei Partner zur Vermählung erlaubt.

Feeling fine -
Edgar Wilkening

Juni 9, 2011 Post Under Alle, Gusto - Jetzt Kommentar dazu schreiben

2 Responses to “Die erste Vermählung, bei der mehr als zwei Partner erlaubt sind”

  1. Jens sagt:

    Hey Edgar, was du alles machst – nicht schlecht! Toll geschrieben. Habe erst wirklich an was anderes gedacht … Jens

  2. Zur Vermählung von Weinen gibt’s immer wieder spannende Entdeckungen. Und die mache ich meistens nicht im Weingut, sondern in der Gastronomie. So geschehen in Hamburg(!) in der letzten Woche.

    Ich hatte (endlich) meinen ersten Johner aus Neuseeland im Glas, eien Sauvignon Blanc aus dem Jahre 2008. Schwieriger Wein, doch meine geübte Zunge spürte sogleich, dass es sich um einen Wein mit viel Potenzial handelte.

    Ein Gespräch mit Patrick Johner ergab: Es handelte sich um eine “Reife-Cuvée”. Eine Rebsorte aus verschiedenen Reifestufen. Wirklich ein sensationeller Wein, der leider aufgrund seiner Mini-auflage vergriffen ist. Habe mir aber den 2010er bereits bei ihm gesichert.

    Vermählung – Verschnitt – Cuvée: Die große Kunst der Weinmachens!

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