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Perfekt verkuppelt: Champagner mit Hafenblick und ein Sommelier, der die Korken nicht knallen lässt

Perfekt verkuppelt: Champagner mit Hafenblick und ein Sommelier, der die Korken nicht knallen lässt

Autor: Edgar Wilkening | Die tollen Fotos: Ole L. Blaubach / www.petite-photo.de
Obenrum Frack – unten Jeans. So mutig wie er Garderobe mixt, so mutig sind auch die Kombinationen, die Sommelier Carsten Laade bereithält, wenn er einlädt zu “Message in a Bottle”. Oder wann hatten Sie das letzte Mal Champagner zu – jawohl: zu Weißwürstel? Geht lässig zusammen. Wie Frack und Jeans.

Botschaften in Buddels: Bei Carsten Laade steht das für authentische Weine. Handwerklich hergestellt. Weitab vom aldiglichen Mainstream. Weine mit der Handschrift des Winzers. Der Rebsorte. Des Terroirs. So dass sie tatsächlich was zu erzählen haben, wenn man den Korken aus der Flasche hebelt. Nicht Everybody’s Darling. Sondern Weine mit Charakter. Mit Profil. Gern auch mit Ecken und Kanten.


Absolut vielversprechend. Agraffe und Korken weitab vom Flaschenhals? Obacht, das kann nur heißen: Sommelier Carsten Laade hat eine tolle Buddel am Wickel.

Persönliche Handschrift, das gilt für Carsten Laade umso mehr bei dem für viele edelsten Getränk: Champagner. Deshalb durfte niemand, der zur kleinen Runde gehörte, die letzten Donnerstag Botschaften in Buddels suchte, Clicquot & Co. erwarten. Hersteller, die jedes Jahr mehrere Millionen Flaschen raushauen, sind schon deshalb dazu verdammt, jedem am Markt schöne Augen zu machen.

Ort der Botschafts-Suche – nein, eben gerade keine Schickimicki-Bussi-Tussi-Hype-Location, wie’s der gemeine Stööößchen!-Schlürfer erwarten würde. Sondern das sympathisch schrammelige “Oberdeck”, der kleine Veranstaltungsraum oberhalb der legendären Hamburger Strandperle, in geheimnisvolles Öllampenlicht gehüllt, inklusive atemberaubendem Blick auf den Hafen. Edel-Champagner in rustikaler Umgebung: typisch Laade.


Klein, kleiner, Kult! Egly-Ouriet gilt als kleines, extrem feines Champagnerhaus. Und der Grand Cru als einer der besten Blanc de Noirs: die Buddel für schlappe 160 Euronen …

Rustikal auch, was es auf die Gabel gab. Jakobsmuscheln oder anderes inflationär angesagtes Gourmetgedöns: Fehlanzeige.

Stattdessen Blutwurst. Geselchtes vom Rind und vom Schwein. Lyoner Wurst. Safran-Aioli. Quittensenf. Fenchelsalat. Focaccia … Laade liebt es, den Champagner frech zu paaren. Da kann er zeigen, was er drauf hat. Der Schampus genauso wie der Sommelier.

Außerdem auf dem Speisezettel: die schon erwähnte bajuwarisch bodenständige Weißwurst. In ihrer Frische, Zartheit und feinen Würze harmoniert sie verblüffend gut mit dem französischen Edelgetränk. Hut ab, Herr Sommelier – prima verkuppelt!


Wie Jeans und Frack: rustikale Wurstplatte zum Top-Champagner – typisch Laade! Der Premier Cru von Larmandier-Bernier stilecht aus der Magnumflasche serviert.

Klingt, als hätte Sommelier Laade einen Abend lang mal richtig die Korken knallen lassen? Von wegen. Statt dessen zeigt er, wie’s richtig geht. Flasche und Korken jeweils mit einer Hand und dann: nein, eben nicht den Korken drehen. Sondern die Flasche. Vermeidet nicht nur unbemannte Flugobjekte im Raum, sondern auch Überschäumen. Ah, wieder was gelernt.

Überhaupt weiß Gastgeber Laade viel Spannendes zu berichten. Dass Burgund und Champagne ewig im Clinch lagen, wer besseren Wein macht; bis die Weine der Champagne zu bubbeln begannen – und daraufhin einzigartig wurden, was das Verhältnis zwischen Champagne und Burgund deutlich entspannte. Dass die Champagne nochmal früher nicht für Getränke berühmt war, sondern für Schafwolle; und die Wollproduzenten beim Wollkauf gratis Wein obendrauf gaben – bis die ersten Kunden sagten: “Behaltet eure Wolle, wir nehmen nur den Wein”; der Anfang vom Ende der Champagne als namhafter Wollelieferant …

Ungewöhnliche Geschichten zum Champagner statt aufgewärmter Allerwelts-Weisheiten: auch das so eine typische Laade-Verkupplung.


Lachsfarbener Abschluss. “Die Belle Epoque findet heute hier statt”, gab Sommelier Carsten Laade als Motto zum Rosé von Billecart-Salmon aus.

Wenn Sie mal Gelegenheit haben, einen der begehrten Botschafts-Abende zu erleben: unbedingt nutzen! Die Themen wechseln. Aber spannende Erlebnisse sind jedesmal sicher, wenn sich Sommelier Carsten Laade in Frack und Jeans schmeißt.

Die Termine für “Message in a Bottle” finden Sie immer aktuell auf weinbuehne.de. Tipp: rechtzeitig Plätze sichern, da immer nur etwa zehn, zwölf Personen dabei sein können. Klein und fein – wie die Weingüter, die der Gastgeber auswählt.

Feeling fine -
Edgar Wilkening


Bilder an den Wänden? Nö: Zimmer mit Aussicht! Die “Message in a Bottle”-Abende von Sommelier Carsten Laade sind abonniert auf außergewöhnliche Orte.

Oktober 31, 2012 Posted Under: Alle, Gusto   Jetzt Kommentar dazu schreiben

Auf ein, zwei, dreizehn Bierchen mit dem Weltmeister!

Auf ein, zwei, dreizehn Bierchen mit dem Weltmeister!

Autor: Edgar Wilkening | Fotos: Edgar Wilkening
Was ist das Schönste nach einer großen Weinprobe? Alle, die ich kenne, sind sich einig: Man ist so satt von Wein – da ist das Schönste hinterher ein kühles, frisches Bier.

Offensichtlich zu Recht. Denn die immer noch gebräuchliche Unterscheidung zwischen Wein gleich edel und Bier gleich schlicht ist so hanebüchen wie die Unterteilung in U- und E-Musik. Ewiggestrig.

Das zu beweisen hat sich Karl Schiffner zur Aufgabe gemacht. Der Österreicher ist gelernter Sommelier. Und zwar: sowohl für Wein als auch für Bier.

Außerdem übertrumpfte er 2009 bei einem Wettbewerb knapp fünfzig Mitbewerber aus halb Europa. Und trägt seitdem ganz offiziell den Titel “1. Biersommelier Weltmeister”. Umso spannender, ihn persönlich zu erleben: vorgestern bei einem Bierdegustations-Menü im Hamburger Restaurant Pluto.

Und was bitteschön, fragen Sie jetzt vielleicht, haben Omas niedliche Likörgläschen hier beim Thema Bier verloren?

Nix da, Likör! Es handelt sich um speziell designte Bier-Degustationsgläser. Von Karl Schiffner extra für das Verkosten von Bier entwickelt. Weit entfernt vom bayerischen Maßkrug. Aber zum Prüfen und Probieren braucht man nun mal keinen Humpen, genau wie bei Wein. Sondern es reichen, im wahrsten Sinne des Wortes: Bierchen.

Die bauchige Form der Degustationsgläser erlaubt dem Bier beim Einschenken Luftkontakt und damit die Entfaltung der Aromen. Die schmale Taille soll verhindern, dass dabei Kohlensäure entweicht. Und der geschwungene Rand garantiert eine Punktlandung des Bieres direkt an der Zungenspitze, damit ausgehend von dort alle Noten schmeckbar werden.

Biertrinken aus der Flasche? Ein Graus für den Sommelier: “Wer direkt aus der Flasche trinkt, gibt dem Bier keine Chance sich im Mundraum zu entfalten. Übrig bleibt nur das Bittere.”

Trotzdem: Zu kaufen gibt es die Degustationsgläser nirgends. Schiffner nutzt sie exklusiv in seinem Biergasthaus im österreichischen Aigen und bei seinen Verkostungen.

Los ging’s mit einer Blindprobe. Fünf unterschiedliche Biere im Glas, ohne Kenntnis von Brauart, Marke, Herkunft. Unvoreingenommen schauen, riechen, schmecken. Ganz auf die eigenen Sinne reduziert. In Weinrunden passiert einem das öfter. Aber bei Bier?

Probieren Sie’s aus. Selbst ohne Degustationsglas: spannend, wie neu, anders und differenziert man das vermeintliche Allerweltsgetränk wahrnehmen kann.

Dabei waren die Blindproben-Biere noch harmlos. Allesamt nach dem deutschen Reinheitsgebot gebraut und, wie sich herausstellte, aus dem Hause Warsteiner (inklusive König Ludwig), mit dem Biersommelier Schiffner seine Verkostungen in Deutschland durchführt.

Wirklich aufregend wurde es dann beim Aperitif. Der Weltmeister servierte als Auftakt vor dem Menü ein belgisches Himbeer-Bier.

Was war das Ungewöhnlichste am Framboise Boon? Dass es spontanvergoren war? Ein Begriff, der in der Weinszene längst seine Runden zieht – aber bei Bier? Dass während des Brauvorgangs 25 Prozent Himbeeren und 4 Prozent Sauerkirschen zugegeben werden? Dass es ein ausgewiesenes Jahrgangs-Bier war, nämlich von 2008? Dass es in einer schweren Champagnerflasche kam? Dass es in Sektgläsern serviert wurde? Dass man ihm, wie bei guten Weinen, ein Lagerpotenzial von zehn bis fünfzehn Jahren gibt? Oder waren es am Ende doch die verblüffenden, fruchtigen Noten in Nase und Mund?

Biere wie das Framboise Boon stellen offensiv den Sinn des heißgeliebten deutschen Reinheitsgebots in Frage. Was spricht dagegen, einem Bier Früchte, Kräuter oder andere Zutaten mit auf den Weg zu geben, wenn sich daraus solche Geschmacksdimensionen ergeben können?

Deutschland paradox: Natürliche Früchte während des Brauens sind verboten. Aber hinterher künstliche Aromen reinkippen und die Brühe als Mixgetränk unter die Leute bringen ist erlaubt.

Der nächste Hammer war ein Bier, das sich 5 a.m. Saint nennt und von einer kleinen schottischen Brauerei namens BrewDog Brewery stammt. “Beer for punks” haben sich die Macher auf die Fahnen geschrieben und rufen zur “craft beer revolution” auf – aber nur mit besten natürlichen Rohstoffen.

Hätte ich das Getränk blind im Glas gehabt und nur nach dem ersten Eindruck in der Nase bewertet, ich hätte lauthals “Gewürztraminer” in die Runde gerufen: ausgeprägte Rosenaromatik. Aber schon der Blick auf die rotblonde Farbe wollte nicht mehr zur Rebsorte passen. Handelte sich eben doch um Bier. Sehr verblüffend.

Im Mund paarte sich die Rosenaromatik grandios mit Passionsfrucht und der Herbe von Bier. Sehr außergewöhnliches Geschmackserlebnis. Das Geheimnis: amerikanischer Aromahopfen. Wenn Sie mal die Chance haben, Biere von BrewDog zu probieren: unbedingt machen!

Es folgte ein London Porter von Meantime, das mit Röstaromen von Kaffee und Schokolade einen Rinderschmorbraten kongenial zu begleiten wusste.

Dann zwei Trappistenbiere aus den Niederlanden: ein La Trappe Triple, das seine Aromatik von Koriander bezieht, und ein La Trappe Quadrupel, das seinen Geschmack einer Reifung in Eichenholzfässern verdankt. Und weitere …

Insgesamt acht Spezialbiere, die im Rahmen des Menüs ihre erstaunliche Kombinationsfähigkeit mit Speisen unter Beweis stellten. Dazu die fünf Blindproben vom Anfang: macht unterm Strich dreizehn beeindruckende Bierchen mit dem Weltmeister Karl Schiffner. Ein spannendes Erlebnis!

Blieb am Ende nur noch die Frage: Was ist eigentlich nach einer großen Bierprobe das Schönste? Um ehrlich zu sein: Ich war so satt von Bier – mir war nach einem kühlen, frischen Riesling.

Feeling fifty-fine -
Edgar Wilkening

Januar 16, 2011 Posted Under: Alle, Gusto   Jetzt Kommentar dazu schreiben