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Einfach mal bleiben, wo man ist: Die Berliner Philharmoniker live auf St. Pauli

Einfach mal bleiben, wo man ist: Die Berliner Philharmoniker live auf St. Pauli

Autor: Edgar Wilkening | Fotos: Edgar Wilkening
Was für ein grandioser Auftakt! Waren Sie dabei vorgestern Abend? Eröffnung der Konzertsaison 2010/2011 der Berliner Philharmoniker. Auftaktkonzert unter der Leitung von Sir Simon Rattle. Beethovens Symphonie Nr. 4 B-Dur op. 60 und Mahlers Symphonie Nr. 1 D-Dur.

Sagen Sie jetzt nicht, Sie haben das verpasst! Dann haben Sie tatsächlich was verpasst. Dabei fand’s praktisch in der Nachbarschaft statt. In meinem Fall auf dem Spielbudenplatz, direkt an der Reeperbahn.

Die Berliner Philharmoniker? Live auf St.Pauli? Und ob! Wo sonst partywütiges Jungvolk auf der Suche nach dem schnellen 99-Cent-Rausch ist und musicalwütige Touristen ihre stadtfeine Kik-Garderobe ausführen, flutete am vergangenen Freitagabend das fantastische Auftaktkonzert des Hauptstadtorchesters über den Platz. Eines von drei Public Viewings, live übertragen aus Berlin, präsentiert auf Großbildleinwand, unter freiem Himmel. Übrigens parallel auch in 60 Kinos europaweit zu sehen gewesen.

Hat man musikalisch je etwas Komischeres gehört als den dritten Satz aus Mahlers Sinfonie an diesem Abend? Kommt daher als Trauermarsch: “Feierlich und gemessen, ohne zu schleppen”, schreibt der Komponist dazu. Basierend auf dem Kanon „Frère Jacques“. Und von Rattle und Konsorten intoniert als glatte Parodie. Abgrundtief komisch und berührend.

Okay, eigentlich war das Konzert eine Werbeveranstaltung. Für die Berliner Philharmoniker. Für die neue Konzertsaison. Und für einen Besuch der Hauptstadt. Nicht umsonst prangte überall die plumpe Aufforderung “Be Berlin”. Aber warum sollte man sich das antun, wenn man etwas so Großartiges auch in seiner Nachbarschaft erleben kann?

Ich finde: Bleiben wir viel öfter einfach mal da, wo wir sind, statt für alles Mögliche immer gleich durch die Gegend zu gurken. Und übertragen wir viel häufiger Erlebenswertes von irgendwo auf der Welt nach anderswo auf der Welt. Nicht nur Fußball aus Südafrika und “Wetten dass” aus Juppheidi. Sondern Spannendes, Großes, Sehenswertes, Einmaliges. Kunst, Kultur, Konzerte. Events, Erlebnisse, Ereignisse. Die technischen Möglichkeiten sind da. Und sie werden immer noch besser.

Digitale Daten um die Welt zu schicken ist viel einfacher, kostengünstiger, gesünder und umweltschonender als die zerbrechlichen Hüllen von Lebewesen mit allem Sack und Pack und der piekfeinen Kik-Garderobe durch die Landschaft zu karren oder über den Himmel zu heben.

Zugegeben: Die technische Umsetzung am Freitagabend hatte – höflich gesagt – noch Luft nach oben. Der Ton schepperte, der Stream hakelte bisweilen. Wahrscheinlich hatten irgendwo auf dem Weg von der Berliner Philharmonie zu uns bei der Technik noch Zweienzwanzigeuroachtzig eingespart werden müssen für die Leasingraten des Audi Cayenne oder BMW Q7 irgendeines Event-Geschäftsführers.

Aber das tut der Sache an sich keinen Abbruch: Es war ein großes Ereignis, das Hunderte Kilometer entfernt von uns stattfand – und das wir alle dennoch miterleben konnten. Auch Sie.

Sie haben’s nicht wirklich verpasst, oder? Sagen Sie jetzt bitte nicht, in Ihrer Nachbarschaft hätte es schließlich nicht stattgefunden! Wenn Sie in der Lage sind, diesen Blog hier aufzurufen und zu lesen, haben Sie im Prinzip auch alle Voraussetzungen, das Eröffnungskonzert zu verfolgen.

Denn parallel zu Public Viewings und Kino-Übertragungen gab es das Konzert auch als Live-Stream im Internet zu sehen. In der Digital Concert Hall der Berliner Philharmoniker. Grandios, diese digitale Konzerthalle. Wegweisend für künftige Eventerlebnisse. Und Musterbeispiel für die Idee, viel öfter digitale Daten um die Welt zu schicken statt zerbrechlicher Wesen. Klicken Sie mal rein: In der Digital Concert Hall können Sie das Eröffnungskonzert auch jetzt noch nachträglich erleben.

Und in Zukunft, wenn Sie mal wieder ein Ereignis wie diesen Saisonauftakt verpassen, lasse ich nur noch ein einziges Argument gelten: “Ich hatte etwas noch Besseres vor.”

Feeling fifty-fine -
Edgar Wilkening

August 29, 2010 Posted Under: Alle, Publik   Jetzt Kommentar dazu schreiben

Frühling aufm Dorfplatz? Höchste Zeit für eine neue Facebook-Gruppe

Frühling aufm Dorfplatz? Höchste Zeit für eine neue Facebook-Gruppe

Autor: Edgar Wilkening | Foto: iStockphoto.com/narcisa – floricica buzlea | Montage: Edgar Wilkening
Während ich aus meinem Küchenfenster schaue und der hundertjährigen Kastanie zusehe, wie sie Tag für Tag ihre Propellerblätter ein Stückchen weiter ausfährt und die Blütenstände langsam für ihre weiße Pracht in Position bringt, fällt mir auf, wie herrlich es ist, nicht in einer anonymen Großstadt zu wohnen, sondern den Frühling auf dem Dorf zu erleben.

Und bevor hier irgendjemand widerspricht: Ja, St. Pauli ist ein Dorf! Man geht auf die Straße, schon trifft man Nachbarn. Wie das so ist in einem Dorf. Und wenn im Sommer das Wetter mitspielt, sitzt man rund um den kleinen Dorfplatz, auf den vom warmen Licht beschienenen Sonnenbänken, ein kühles Getränk aus der Dorfkneipe in der Hand, und schaut, wer gerade so durchs Dorf schlendert.

Irgendjemand kommt immer vorbei. Auf dem Weg zum nahen Dorfkrämer. Oder auf dem Weg zurück. Oder zum Sport, zu einer Verabredung oder einfach so und bleibt stehen auf einen Schnack. Und plötzlich steht das halbe Dorf zusammen und zelebriert den Tag. In anonymen Großstädten gibt’s so was ja gar nicht. Auf St. Pauli beinah täglich. Stinknormales Dorfleben eben.

Wobei bislang der Zufall immer noch eine große Rolle spielte. Wer gerade am Dorfplatz vorbeikam, war dabei. Wer nicht vorbeikam, nicht. Und dann hieß es hinterher: Ach, wenn ich gewusst hätte …

Damit ist jetzt Schluß. Denn vorgestern habe ich eine Facebook-Gruppe gegründet: für alle Fans der Sonnenbank auf unserem kleinen Dorfplatz.

Nun ist Facebook gerade heftig in die Kritik geraten. Denn die Betreiber wollen persönliche Informationen von Nutzern ohne deren Zustimmung an Dritte weitergeben. Natürlich mit kommerziellen Interessen. Zurecht wettert Verbraucherschutzministerin Aigner gegen den laxen, typisch amerikanischen Umgang mit persönlichen Daten.

Das ändert aber nichts daran, dass Facebook prinzipiell eine herrliche Einrichtung ist. Ein Treffpunkt, ganz ähnlich wie unser Dorfplatz. Wo immer irgendwelche Freunde vorbeikommen und es ständig etwas Neues zu berichten gibt.

Und wo jetzt auch unser kleiner Dorfplatz seine eigene Gruppe gefunden hat. Eine Art Pinnwand, auf der alle Nachbarn rechtzeitig erfahren oder selbst Bescheid geben können, wenn auf dem Dorfplatz etwas los sein wird. Abhängig von der aktuellen Wetterprognose fürs Quartier kann dann schon morgens die abendliche Schlenderung durchs Dorf geplant werden, der Feierabend auf der Sonnenbank und der Schnack mit dem halben Dorf bis in die Nacht.

Und endlich können auch Freunde, die nicht im Dorf wohnen, sondern irgendwo in der anonymen Großstadt, zuverlässig dazustoßen. Ich persönlich finde das großartig.

Wenn Sie mal dabei sein wollen, wenn der kleine Dorfplatz brummt: Achten Sie einfach auf die aktuellen Aushänge. Oder Sie kommen einfach mal so aufm Dorfplatz rum. Irgendwer ist immer da. Man sieht sich!

Feeling fifty-fine –
Edgar Wilkening

April 9, 2010 Posted Under: Alle, Digi, Leben   Jetzt Kommentar dazu schreiben